Um die Begriffe Alternativmedizin, Komplementärmedizin und Naturheilkunde herrscht ein veritables Durcheinander. Colin Goldener hat im Humanistischen Pressedienst einen Text veröffentlicht, der einige Unterschiede zwischen Alternativmedizin und Naturheilkunde aufzeigt. Ich übernehme diesen Text hier abschnittweise (kursiv) mit dazwischen geschalteten Kommentaren:

„Aus Apotheken-Rundschauen, Hausfrauenpostillen und Lifestylemagazinen sind den Lesern Dutzende von Verfahren geläufig, die sie für besonders sanft und natürlich halten: Alternativheilkunde und Naturheilkunde werden insofern häufig ineinsgesetzt. Tatsächlich haben sie überhaupt nichts miteinander zu tun…..Zu den wirklichen Naturheilverfahren – allesamt Teil der Schulmedizin – zählen Luft- und Lichttherapie, Wasseranwendungen, Entspannungs- und Bewegungsübungen, bewusste Ernährung und allgemein »gesündere Lebensführung«; pharmakologisch auch der Einsatz wirkbelegter Pflanzenpräparate. Im Gegensatz zu diesen bewährten Verfahren können die Alternativheilverfahren keinerlei tragfähigen Wirkbeleg vorweisen, ein Umstand, der mit Hilfe suggestiver Begleitbegriffe wie »unkonventionell«, »komplementär« oder auch »ganzheitlich« vertuscht wird. Wären die Alternativheilverfahren wirkbelegt, wären sie längst Teil der Schulmedizin.“

Die Verfahren der Naturheilkunde lassen sich auch gut umschreiben mit den 5-Säulen nach Sebastian Kneipp: Hydrotherapie, Heilpflanzen-Anwendungen, Ernährung, Bewegung / Luft / Licht, Ordnungstherapie.

Die Phytotherapie (Pflanzenheilkunde) gehört zur Naturheilkunde, nicht zur Komplementärmedizin oder Alternativmedizin.

Siehe dazu auch:

Naturheilkunde – was ist das?

Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?

„Der große Zuspruch, den die Alternativheilkunde erfährt, begründet sich darin, daß ihre Anbieter sich dem jeweiligen Patienten und seinen Problemen meist sehr viel intensiver zuwenden, als Schulmediziner dies tun. Es ist ein erhebliches Manko des schulmedizinischen Versorgungssystems, dass viel zu wenig Zeit aufgewandt wird, dem Patienten wirklich zuzuhören und persönlich auf ihn einzugehen. Eben deshalb wenden sich rat- und hilfesuchende Menschen gerne an Heilpraktiker und Homöopathen, bei denen sie sich allein schon des anamnestischen Zeitaufwandes wegen sehr viel ernster genommen fühlen als in der regulären Arztpraxis oder Klinik. Die Alternativheilverfahren selbst erscheinen attraktiv, da sie – auch wenn dies nicht zutrifft – als »natürlich wirksam« und damit »nebenwirkungsfrei« angepriesen werden. Der Umstand, dass viele davon auf magisch-okkulte Wirkkräfte abstellen – Geistheilung, Reiki, Touch for Health – tut ein übriges.“

 

Verfahren der Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin decken darüber hinaus oft auch Sinnbedürfnisse, in dem sie eine Krankheit in einen grösseren Zusammenhang stellen, während eine wissenschaftliche Medizin sich solcher Sinndeutungen enthält. Dazu ist allerdings zu sagen, dass die komplementärmedizinischen Sinnzuschreibungen oft hoch spekulativ sind und leicht in Schuldzuweisungen umschlagen. Vorgegebene „Instant-Sinnangebote“ sind sowieso ziemlich problematisch und stehen oft einer eigenen, autonomen Sinnfindung eher im Wege.

„Es spricht überhaupt nichts dagegen, bei kleineren Beschwerden und Mißbefindlichkeiten, auch zur Vor- und Nachsorge, naturheilkundliche Verfahren einzusetzen. Abzuraten ist indes von sämtlichen Verfahren und Praktiken der sogenannten Alternativheilkunde, die, wie gesagt, mit Naturheilverfahren überhaupt nichts zu tun haben.

Skepsis ist allemal geboten, wenn von »Schwingungen« oder »Lebensenergien« die Rede ist, die da »gesteigert« oder »harmonisiert« werden sollen; desgleichen, wenn das jeweilige Verfahren als »unkonventionelle«, »komplementäre«, »ganzheitliche« oder sonstig alternative »Erfahrungsheilkunde« angepriesen wird, die insofern der »Schulmedizin« turmhoch überlegen – oder zumindest ebenbürtig – und zudem völlig nebenwirkungsfrei sei. Letzteres kann nur für jene Verfahren gelten, die, wie z.B. Bachblütentherapie, überhaupt keine Wirkung haben. Einige der Alternativheilpraktiken, Akupunktur etwa oder Neuraltherapie, bergen ungeahnte Risiken, und selbst vermeintliche Harmlosverfahren wie Aromatherapie sind keineswegs risikofrei. Ansonsten besteht das Hauptrisiko alternativer Heilverfahren darin, daß der rechte Zeitpunkt zum Einsatz einer verfügbaren und sinnvollen Therapie verpaßt wird, wodurch sich das jeweilige Problem massiv verschärfen kann.“

Die Inflation aufgeblasener Worthülsen wie „energetisierte Heilpflanzen“, „Wesen der Pflanzen“, „Lebensenergie“ etc. ist tatsächlich eine hoch fragwürdige Angelegenheit. Die Schwierigkeit dabei ist, dass solche gut tönenden Schlagworte verwendet werden, ohne dass auch nur ansatzweise geklärt wird, was der sprechende oder schreibende Mensch damit meint. Damit haben dann alle Beteiligten sich möglicherweise gut unterhalten, reden aber ziemlich sicher aneinander vorbei, weil jede und jeder sehr unterschiedliche Vorstellungen mit diesen Begriffen verbindet.

„Abstand zu halten ist von Anbietern, die ihre diagnostischen oder heilerischen Fähigkeiten von »höherer Warte« – von Engeln, Jesus oder »aus dem Kosmos« – bekommen haben wollen oder die Praktiken verwenden, die die Gesetze von Physik, Chemie oder des »gesunden Menschenverstandes« außer Kraft setzen. Göttliche Heilkräfte und Engelsenergien gibt es nicht, ebensowenig diagnostisch brauchbare Aussagen aus dem astrologischen Horoskop oder solche, die mit Pendel und Wünschelrute gewonnen wurden.“

Jedenfalls laufen hunderte von durchgeknallten Heilerinnen und Heiler mit der hoch narzisstischen Phantasie herum, direktes Sprachrohr einer höheren Macht zu sein.

„Auch das vielzitierte Schlagwort »Wer heilt, hat recht« kann nicht zur Bestätigung der Alternativheilverfahren herangezogen werden. Tatsächlich heilen diese – über einen allemal möglichen Placeboeffekt hinaus – gar nichts. Vielmehr beruhen ihre »Erfolge« darauf, dass unterschiedlichste Beeinträchtigungen der Gesundheit nach einer Zeit »von selbst« wieder verschwinden. Menschen mit derlei Beeinträchtigung suchen häufig »alternative« Heiler auf, die dann, ebenso wie sie selbst, natürliche oder spontane Heilungsverläufe bzw. zyklische Besserungen als Ergebnis der jeweiligen »Behandlung« interpretieren. Eine »irgendwann« eintretende Besserung kann dann der jeweiligen Behandlung zugute geschrieben werden, auch wenn diese mit dem Heilungsverlauf überhaupt nichts zu tun hat.“

 

„Wer heilt hat recht“ ist tatsächlich ein zwar oft gebrauchter, aber nicht desto trotz ziemlich dummer Kampfspruch. Denn er unterschlägt in der Regel alle anderen Einflüsse auf den Genesungsprozess wie Placebo-Effekt, Selbstheilungkräfte, natürliche Schwankungen der Beschwerden bei chronischen Krankheiten, veränderte Lebensumstände. Es ist wirklich sehr simpel, naiv und unbescheiden, jede Besserung sogleich dem eigenen Heilmittel zuzuschreiben.

„Insofern spielen auch Realitätsverzerrungen eine Rolle: Selbst wenn keine Verbesserung nachweisbar ist, können Anhänger alternativer Heilverfahren davon überzeugt sein, dass ihnen geholfen wurde, allein, weil sie sich besser fühlen. Es kann dieses »Gefühl der Besserung« ein durchaus bedeutsamer Genesungsfaktor sein, der allerdings nichts mit dem angewandten Verfahren zu tun hat. Keine Besserung zu erhalten, nachdem man viel Zeit, Geld und guten Glauben in eine alternative Behandlung investiert hat, führt oft auch dazu, dass ein ausbleibender Erfolg konstruiert wird, allein schon, um das ansonsten notwendige Eingeständnis zu vermeiden, einem Quacksalberverfahren aufgesessen zu sein. Wider jede Vernunft und mit oftmals nachgerade fanatischem Glaubenseifer werden jede Kritik und Selbstkritik abgewehrt.“

 

Der Umgang mit Kritik ist ein Prüfstein für Methoden der Komplementärmedizin. Je offener die Auseinandersetzung mit argumentativer Kritik, desto höher die Glaubwürdigkeit. Je fanatischer und missionarischer das Auftreten, desto mehr Vorsicht ist geboten.

„Grundsätzlich abzuraten ist von Anbietern, die über kein akademisches Fachstudium verfügen. Ausreichende Qualifikation des Therapeuten und Wirksamkeitsnachweis des eingesetzten Verfahrens geben zwar keine Garantie für einen Erfolg, aber das Risiko seitens des Patienten ist minimiert. Besondere Vorsicht ist insofern walten zu lassen bei der Konsultation von Heilpraktikern. Diese verfügen zwar über eine formale Berechtigung zur Ausübung der Heilkunde, ihre Ausbildung kann indes dem Anspruch seriöser Heilbehandlung nicht ansatzweise genügen.“

Da ich selber keine universitäre Ausbildung absolviert habe, finde ich die pauschale Beschränkung auf Leute mit akademischer Fachausbildung naturgemäss etwas eng, wobei ich mich allerdings auch nicht als Therapeuten oder Heiler bezeichnen würde. Und dann sind ja bekannterweise einige der durchgeknalltesten Heilgurus Akademiker bzw. Mediziner.

Für mich sind einfach andere Kriterien wichtiger, zum Beispiel, ob jemand die Grenzen seiner Methoden kennt.

Zu sagen ist allerdings, dass im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin eine Qualitätssicherung, welche diesen Namen verdient, kaum existent ist.

Und im nichtärztlichen Bereich gibt es punkto Ausbildung sehr grosse Unterschiede. Eine Bezeichnung wie „Naturheilpraktikerin“ oder „Naturarzt“ kann auf einer absoluten Schnellbleiche, oder auch auf einer vierjährigen Vollzeitausbildung basieren. Und es gibt für die Ausbildungen selber keine Qualitätskriterien.

„Im Übrigen werden Alternativheilverfahren nicht brauchbarer dadurch, dass sie vielfach auch in Arztpraxen und Kliniken anzutreffen sind und dass einige davon sogar in die offizielle Aus- und Fortbildung von Ärzten Eingang gefunden haben.“

Stimmt. Das ist auch kein Qualitätskriterium.

„Gegen die Quacksalberverfahren der Alternativheilkunde zu sein, heißt keineswegs, der Schulmedizin oder Pharmaindustrie blind zu vertrauen. Ganz im Gegenteil: Kritik ist auch und gerade hier unabdingbar.“

Ja, Kritik an der „Schulmedizin“ oder an der Pharmaindustrie ist nötig. Sie muss allerdings präzis und argumentengestützt sein. Pauschale Kritik, wie sie oft zu hören ist, entstammt eher einer Feindbildhaltung.

„Es darf die notwendige Kritik an Mediziner- und Pharmalobby allerdings nicht dazu führen, windigen Heilpraktikern mit ihren erwiesenermaßen unbrauchbaren Alternativheilverfahren auf den Leim zu gehen.“

Ja, das passiert leider nur allzu oft.

Quelle: Humanistischer Pressedienst, www.hpd.de

Fazit: Ein Artikel mit stellenweise harter Formulierung, aber im Kern sehr bedenkenswerten und ernst zu nehmende Aussagen. Sehr wichtig scheint mir der Versuch, Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin einerseits und Naturheilkunde andererseits zu unterscheiden.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
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www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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