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Pseudo-Schamanismus – eine Form kultureller Ausbeutung

Gesellschaftliches

Avatar-FotoMartin Koradi26.02.2011

In esoterisch angehauchten Randbereichen der Alternativmedizin und der Komplementärmedizin taucht immer häufiger der Begriff Schamanismus auf. Verschiedene Veranstalter und Anbieter versprechen Patienten physische und psychische Heilung auf dem schamanistischen Weg.

Nun sind Begriffe wie Schamanismus, schamanistisches Heilen, Schamane oder Schamanin natürlich nicht rechtlich geschützt. Wer will (und es sich einbildet), kann einfach behaupten, er sei von irgendwelchen Ältesten anerkannt. Es gibt zahlreiche „Plastikschamanen“ und falsche Medizinleute, welche die grassierende Leichtgläubigkeit von Esoterikerinnen und Esoterikern ausnutzen. Viele Pseudo-Schamanen vermischen die Traditionen und Zeremonien mehrerer Völker. Teilweise werden zu indianischen Elementen noch Rituale und Praktiken aus Asien sowie weitere, auf dem Esoterikmarkt gerade angesagte Maschen mit hineingemixt. Dass es sich hier um einen riesigen Markt handelt, zeigt jede Esoterikmesse. Wir haben es hier aber außerdem mit einer fortlaufenden Ausbeutung und Verhöhnung tradierter Kulturen zu tun.

Zu diesem unappetitlichen Phänomen zwei Hinweise:

1. Wer wissen will, was indigene AmerikanerInnen von westlichen Pseudo-Schamanen halten, findet dazu Informationen auf https://www.newagefraud.org/

2. In der Zeitschrift des Zentralverbandes der Ärzte für Naturheilverfahren (ZAEN) Nr. 12 / 1999, S. 838, analysieren die Wissenschaftler Peuker, Filler und Diederich das Phänomen des  „Pseudoschamanismus“ und grenzen es von der echten, kulturgebundenen Form des Schamanismus ab.

Die Vorstellung, man könne einzelne Elemente aus einer kulturgebundenen schamanistischen Tradition herausreissen, hierher verpflanzen und hier damit Handel treiben, ist zutiefst ausbeuterisch.

Das erinnert mich an ein Word-Programm auf dem Computer: Man isoliert irgendwelche Rituale aus mongolischen oder indianischen Kulturzusammenhängen mit der „Ausschneiden“-Taste und transplantiert sie mit der „Einfügen“-Taste nach Zürich, Dagmarsellen oder Arbon.

Besonders grotesk wird die Sache, wenn diese quasi-chirurgische kulturelle Transplantation noch mit dem fragwürdigen Sehnsuchtswort „ganzheitlich“ vermarktet wird.

Ich würde aber selbstverständlich nicht bestreiten, dass wohlstandsübersättigte „Westmenschen“ mit ungeklärten Sinnproblemen dadurch eine leicht konsumierbare „Fertigmahlzeit“ beziehen können, die kurzfristig Erleichterung verschafft.

Fragt sich nur zu welchem Preis – monetär, psychologisch, ethisch, kulturell…..

Und nachhaltig scheinen solche pseudo-schamanistischen Angebote jedenfalls auch nicht gerade zu wirken, wenn man Konsumentinnen und Konsumenten sieht, die von Workshop zu Workshop rennen. Wie bei allen Light-Produkten ist der Sättigungswert offenbar nicht gerade gross.

Meiner Ansicht nach wäre es an der Zeit, wieder mehr das Einfache, Naheliegende, Alltägliche, Unspektakuläre zu pflegen und die Stärken und Schwächen der eigenen Kultur besser zu verstehen. Auch – aber nicht nur – wenn es um Gesundheit, Krankheit und Heilung geht.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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