Die guten alten Hausmittel sind Teil eines traditionellen Heilwissens,  das im Sinn eines UNESCO-Übereinkommens als „immaterielles Kulturerbe“ gilt,  welches allerdings in seinem Bestand gefährdet ist.

Spricht man von „Weltkulturerbe“, so beschränken sich diesbezügliche Assoziationen meist auf eindrückliche Denkmäler und historische Stätten. Vergessen häufig die Ebene des „Immateriellen Kulturerbes“, welches in einer unglaublichen und schillernden Vielfalt in lebendigen Traditionen – noch! – erhalten ist. Zur Bewahrung dieses Kulturerbes hat die UNESCO bereits 2003 ein Übereinkommen beschlossen, welches seit 2006 in Kraft ist und neue Standards im Umgang mit kulturellem Erbe setzen soll. Im Sinn dieser Konvention gehören fünf Bereiche – deren Übergänge fließend sind – zum immateriellen Kulturerbe, nämlich:

– mündlich überlieferte Traditionen und Ausdrucksformen

– darstellende Künste

– gesellschaftliche Bräuche, Rituale und Feste

– traditionelle Handwerkstechniken

– Wissen und Praktiken im Umgang mit Natur und Universum

Heimisches Heilwissen anstelle von TCM und Ayurveda

Zum immateriellen Kulturerbe zählt das norwegische Strickmuster genauso wie das indische Kutiyattam Sanskrit Theater oder der Innviertler Landler. Wobei anfänglich die UNESCO-Konvention hauptsächlich als Angebot an die Entwicklungsländer verstanden wurde – die ja auf der Welterbeliste nur wenig vertreten sind –, ihren Traditionen und Bräuchen einen entsprechenden Stellenwert zu geben. „Viele westliche Industriestaaten haben sich zuerst nicht angesprochen gefühlt, gab es doch genügend Dokumentationsarbeiten über die eigene Kultur“, sagt Mag. Maria Walcher, Leiterin der Nationalagentur. Auch in Österreich sei leider ein Manko an Respekt und ein schlechter Zugang zum traditionellen Erfahrungswissen festzustellen, stellt die studierte Volkskundlerin und Musikwissenschafterin fest. Bei näherer Betrachtung enthalte jedoch die Konvention Bereiche, die für alle Gesellschaften von Interesse sein könnten.

Beispielsweise das Wissen um die Praktiken im Umgang mit Natur und Universum. Jener Bereich also, zu dem die traditionellen Heilmethoden und Heilmittel zählen. „Wir importieren zwar Heilsysteme aus Indien und China, aber was ist mit unseren Heilsystemen, dem Heilsystem unserer Vorfahren? In früheren Zeiten gab es längst kein flächendeckendes Gesundheitssystem, und die Leute mussten selbst etwas tun. Das Wissen um die guten alten Hausmittel habe seit den 70ern stark abgenommen, bedauert Maria Walcher. Und sie fragt, wer denn heute noch Ölfleck, Zwiebelwickel, Essigpatschen kenne.

Die jungen Mütter wüssten das alles nicht mehr, und die Ärzte verordnen es auch nicht. Ein Rezept gehe schneller. Die jahrzehntelange Strategie des Auslagerns von Zuständigkeiten – auch was den Umgang mit Gesundheit und Krankheit betrifft – habe zu einem rasanten Verlust von Eigenverantwortung und individueller Kompetenz geführt, stellt Mag. Walcher fest. Das zeigt nun auch im Gesundheitssystem dramatische Auswirkungen. Umgekehrt sei jedoch das Bedürfnis nach „Erfahrungsmedizin“ stark gewachsen.

Quelle:

Pharmaceutical Tribune  Nr. 2 2010

http://www.pharmaceutical-tribune.at/dynasite.cfm?dsmid=102986&dspaid=844998

Kommentar & Ergänzung:

1. Traditionelles Heilwissen ist meines Erachtens wirklich ein wertvolles Kulturgut.

In diesem Sinne sind die Bemühungen der Unesco zur Erhaltung dieser Heiltraditionen begrüssenswert. Es gibt allerdings in der Komplementärmedizin eine ziemlich weit verbreitete naive Traditionsgläubigkeit, die darauf baut, dass altes Wissen immer auch wahres Wissen ist. Das ist natürlich Bullshit – Tradition hat sich auch unzählige Male geirrt – und das zum Teil über Jahrhunderte. Also geht es darum, sich mit der Tradition kritisch auseinanderzusetzen, zu prüfen, was davon nützlich und sinnvoll, und was überholt oder schlicht falsch ist.

Vorbildlich in dieser Auseinandersetzung mit der traditionellen Pflanzenheilkunde ist die Forschergruppe Klostermedizin an der Universität Würzburg.

Fazit: Traditionelle Pflanzenheilkunde gehört nicht einfach ins Museum, weil sie auch wertvolle Erkenntnisse enthält.

Traditionelle Pflanzenheilkunde soll aber in der Gegenwart auch nicht einfach unbedacht 1:1 angewendet werden, weil man sonst Patientinnen und Patienten auch 1:1 mit allen Irrtümern der Vergangenheit behandelt.

Ein solchermassen differenzierter Umgang mit der Tradition ist auch ein wichtiges Qualitätsmerkmal, an dem man die Seriosität von Therapeutinnen und Therapeuten, Ausbildnern etc. messen kann. Fragwürdig ist in jedem Fall, wer Tradition undifferenziert übernimmt und als absolute Wahrheit verkauft..

Siehe auch:

Komplementärmedizin – hat Tradition Recht?

2. Mag. Walcher schreibt, dass das Bedürfnis nach „Erfahrungsmedizin“ stark gewachsen sei.

Erfahrungsmedizin ist aber auch so ein fragwürdiger Begriff……

Er suggeriert, dass „Erfahrung“ uns zeigt, was wirksam ist und was nicht.

„Erfahrung“ zeigt aber nicht einfach was ist. Erfahrung muss interpretiert und verarbeitet werden. „Erfahrung“ als Legitimation von Therapieempfehlungen ist genauso schwach wie „Tradition“ allein schwach ist.

Siehe dazu:

Naturheilkunde braucht sorgfältigeren Umgang mit Erfahrung

Pflanzenheilkunde: Erfahrung allein genügt nicht zur Begründung

3. Heimisches Heilwissen statt TCM und Ayurveda?

Natürlich ist es merkwürdig, wenn unser einheimisches Heilwissen in Vergessenheit gerät und stattdessen alte Heilsysteme aus China und Indien importiert werden. TCM und Ayurveda sind sehr interessante Heilsysteme die aber nicht so einfach ohne “Verstümmelung” aus ihrem kulturellen Rahmen gerissen werden können. TCM und Ayurveda, so wie sie bei uns angeboten werden, sind auf westliche Bedürfnisse zugeschnittene Exportprodukte, die nur noch wenig mit den ursprünglichen Heilmethoden in China oder Indien zu tun haben.

4. Wenn Mag. Walcher bedauert, dass das Wissen um die Hausmittel abgenommen hat, dann teile ich dieses Bedauern. Wer keine einfachen Hausmittel mehr kennt, wird unnötig schnell abhängig vom „medizinisch-pharmazeutischen System“. Ich betrachte es als eine wichtige Bildungsaufgabe, das Wissen um die einfachen Hausmittel in der Bevölkerung zu fördern und gleichzeitig auch auf die jeweiligen Grenzen der Selbstbehandlung hinzuweisen.

(siehe dazu mein Kursprogramm: www.heilpflanzen-info.ch/cms/kurse)

Falls Sie an sorgfältigem Wissen über Wirkung und Anwendung von Heilpflanzen interessiert sind, finden Sie dazu meine Kurse und Lehrgänge oben über den Menüpunkt „Kurse“.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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