Am 1. Januar 2013 feiert der Sozialtheoretiker und Bestsellerautor Richard Sennett seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anlass hier ein Zitat von Richard Sennett zum Thema „Scheitern“:

„Das Scheitern ist das grosse moderne Tabu. Es gibt jede Menge populärer Sachbücher über den Weg zum Erfolg, aber kaum eines zum Umgang mit dem Scheitern. Wie wir mit dem Scheitern zurechtkommen, wie wir ihm Gestalt und einen Platz iin unserem Leben geben, mag uns innerlich verfolgen, aber wir diskutieren es selten mit anderen…………………………………………

Wie bei allem, das man sich auszusprechen weigert, werden sowohl die innere Besessenheit als auch die Scham dadurch nur grösser. Unbehandelt bleibt der harte innere Satz: ‚Ich bin nicht gut genug’.

Das Scheitern ist nicht länger nur eine Aussicht der sehr Armen und Unterprivilegierten; es ist zu einem häufigen Phänomen im Leben auch der Mittelschicht geworden. Die schrumpfende Grösse der Elite macht die Lebensleistung immer schwieriger. Der Markt, auf dem der Gewinner alles bekommt, wird von einer Konkurrenz beherrscht, die eine grosse Zahl von Verlierern erzwingt. Betriebsverschlankungen und Umstrukturierungen setzen die Mittelschicht plötzlich Katastrophen aus, die im früheren Kapitalismus sehr viel stärker auf die Arbeiterklasse begrenzt waren. Kommt man aber den Forderungen nach Flexibilität und Mobilität nach, verfolgt einen auf subtilere, aber ebenso mächtige Weise das Gefühl, als Familienvater oder –mutter zu scheitern…..

Der Gegensatz von Erfolg und Scheitern ist eine Art, sich der Auseinandersetzung mit dem Scheitern zu entziehen. Diese einfache Entgegensetzung bedeutet, dass wir, wenn wir nur genug materielle Nachweise unserer Leistung anhäufen, von Gefühlen des Versagens verschont bleiben………

Einer der Gründe, warum es so schwer ist, Versagensgefühle durch Dollars zu beschwichtigen, ist die Tatsache, dass das Gefühl, gescheitert zu sein, aus tieferen Motiven aufsteigen kann – zum Beispiel, weil es einem nicht gelingt, das eigene Leben vor dem Auseinanderfallen zu bewahren, etwas Wertvolles in sich selbst zu entdecken, zu leben, statt einfach nur zu existieren.“

Aus: Richard Sennett, Der flexible Mensch, Siedler Taschenbuch, 2000

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Scheitern passt als Thema natürlich speziell zum 1. Januar, weil an diesem Tag viele Menschen grosse Vorsätze fassen, von denen meistens die Mehrzahl von vorneherein zum Scheitern verurteilt ist……..

Aber darum geht es mir jetzt nicht.

Scheitern scheint tatsächlich so etwas wie ein Tabu zu sein.

Schaut man sich all die Erfolgsratgeber, Erfolgsseminare und Erfolgstrainer an, die den einfachen, direkten und sicheren Weg zu Erfolg versprechen, dann stellt sich schon die Frage, wie es denn gehen soll, dass alle erfolgreich sind. Wo bleiben die anderen?

Kommt dazu, dass Erfolge gern weiter erzählt, das Scheitern aber  oft schamvoll für sich behalten wird.

Und so halten es auch die Medien: Erfolge  – zum Beispiel im Sport – verkaufen sich viel besser als Misserfolgen bzw. Scheitern. Sportliche Misserfolge beispielweise sind medial nur interessant als kurzes emotionales Drama. Der Sturz des Skifahrers, die Enttäuschung des Verlierers…aber dann wendet sich die Kamera den Siegern zu.

Wir leben dadurch in einer ziemlich verzerrten Lebenswelt, sind quasi umzingelt von Erfolgsmeldungen und Erfolgsversprechungen, während das Scheitern möglichst unsichtbar bleibt. Das Tabu zu durchbrechen und dem Scheitern einen angemessenen Platz zu geben, das ist ganz offensichtlich nicht leicht – in der Gesellschaft nicht, in der Wirtschaft nicht, in Beziehungen nicht und auch im Inneren des einzelnen Menschen nicht.

Scheitern hängt unter anderem ab von den Kriterien für Erfolg, die festgelegt werden durch die Gesellschaft oder durch das einzelne Individuum.

Richard Sennett  fokussiert in seinem Buch überwiegend auf das Scheitern im wirtschaftlichen Kontext.

Scheitern können aber auch Beziehungen (Paarbeziehungen, Eltern-Kindbeziehungen, Freundschaftsbeziehungen).

Scheitern kann man aber auch in verschiedenster Hinsicht mit und an sich selbst. Neujahrsvorsätze sind dazu ein gutes und meistens noch eher harmloses Beispiel.

Scheitern kann man auch mit dem Versuch gesund zu werden.

In diesem Bereich, das steht fest, werden wir letztendlich alle scheitern. Den Umgang mit chronischen Krankheiten und mit dem Älterwerden könnte man gar als eine Schule des Scheiterns bezeichnen. Mit einem Scheitern, das zunehmend ins Leben eingebaut ist und Hoffnungen, Wünsche und Ansprüche hartnäckig in Frage stellt.

Es spricht viel dafür, dass uns ein positiverer, gelassenerer und offenerer Umgang mit dem Scheitern gut tun würde.

Gut tun würde dies sowohl der Gesellschaft als Ganzem als auch den einzelnen Individuen.

Sennett schreibt dazu – ich wiederhole diesen Satz:

„Wie bei allem, das man sich auszusprechen weigert, werden sowohl die innere Besessenheit als auch die Scham dadurch nur grösser. Unbehandelt bleibt der harte innere Satz: ‚Ich bin nicht gut genug’.“

P.S. Wenn Sie dem Scheitern in einem guten Rahmen als Thema Raum geben wollen, dann sind die „Eidberger Gedankengänge“ eine Möglichkeit dazu. Manchmal ist es nämlich nicht einfach, über das Tabuthema des Scheiterns mit Menschen zu sprechen, mit denen man zusammen lebt oder die sogar in der einen oder anderen Form am Scheitern beteiligt sind. Ich sehe mich auf den Eidberger Gedankengängen als zwar engagierten und interessierten, aber aussenstehenden Begleiter. Als unabhängiger Dialogpartner stelle ich mich für die gemeinsame Reflexion zur Verfügung.

Zum Buch „Der flexible Mensch“ von Richard Sennett:

“In seinem Werk Der flexible Mensch (The Corrosion of Character), 1998, beschreibt Sennett die Auswirkungen des neuen Flexiblen Kapitalismus auf den Charakter. Durch die Flexibilisierung der Arbeitswelt verlieren Wertvorstellungen und Tugenden an Bedeutung: z.B. Treue, Verantwortungsbewusstsein und Arbeitsethos ebenso wie die Fähigkeit, auf sofortige Befriedigung von Wünschen zu verzichten und Ziele langfristig zu verfolgen. Gründe für diese Entwicklung sind die Beschleunigung der Arbeitsorganisation, die stetig wachsenden Leistungsanforderungen, die zunehmende Unsicherheit der Arbeitsverhältnisse sowie die Notwendigkeit, jederzeit aus beruflichen Gründen den Wohnort zu wechseln.

Auch auf der Makroebene konstatiert Sennett einen tiefgehenden Wandel. Er untersucht, nachdem er sich mit der Geschichte der Industriearbeit auseinandergesetzt hat, den Übergang vom ausgebildeten Industriekapitalismus, dem Fordismus, zu einem System der Flexiblen Spezialisierung. Beispielsweise wurde in der Automobilindustrie die Fließbandproduktion in einer Fabrik abgelöst von spezialisierten Produktions- und Zuliefererbetrieben, die ihren Standort und ihre Arbeitsabläufe ständig flexibel den Notwendigkeiten der globalisierten Wirtschaft anpassen. Strenge Hierarchien sind teilweise durch kleine ‚selbstverantwortliche Gruppen’ mit hohem Risiko abgelöst worden. Der Druck auf den Einzelnen, der sich auch in einem gewandelten Verständnis des Zeitbegriffs zeigt, steigt immens. Hinzu kommt eine engmaschige Überwachung der gesamten Produktionsprozesse – einschließlich der Arbeitenden – durch den Einsatz moderner Kommunikationsmittel. Zudem beschreibt Sennett einen Konflikt zwischen Werten, die Eltern ihren Kindern weitergeben möchten und solchen, die deren Berufsleben bestimmen.

All dies trage zu einer Atmosphäre von Angst, Hilflosigkeit, Instabilität und Verunsicherung in weiten Teilen der Gesellschaft bei. Diese Instabilität und Verunsicherung lassen nach Sennett eine Ellenbogengesellschaft entstehen. Die Schere zwischen Arm und Reich werde größer. Die Mittelschichten werden ausgedünnt. Dort sei eine Polarisierung zwischen einer kleineren Gruppe von Profiteuren und einer großen Anzahl von Verlierern des neuen Systems zu beobachten.“

Quelle: Wikipedia

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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