Heute ist der Geburtstag von Hugh Thompson (15. April 1943 – 6. Januar 2006).

Thompson war ein Hubschrauberpilot der US Army, der im Vietnamkrieg diente. Bekannt wurde er durch seine aktive und eindrückliche Rolle bei der Beendigung des Massakers von My Lai. Er ist es Wert, dass man sich an ihn erinnert.

Das Massaker von My Lai

Das Massaker von Mỹ Lai (Son My) war ein Kriegsverbrechen US-amerikanischer Soldaten in Südvietnam, das 1968 während des Vietnamkrieges in dem Gemeindeteil Mỹ Lai des Dorfs Sơn Mỹ, genannt My Lai 4, verübt wurde. Die US-Armee vertuschte das Massaker an 503 Zivilisten zunächst. Erst durch Recherchen des investigativen Journalisten Seymour Hersh – der 2004 auch den Folterskandal im US-Gefängnis Abu Ghuraib aufdeckte – gelangte das Geschehen an die Öffentlichkeit. Die Veröffentlichung der Reportage war allerdings zunächst für etwa ein Jahr von sämtlichen Medien abgelehnt worden. Hersh bekam 1970 den Pulitzer-Preis, die Veröffentlichung hatte großen Einfluss auf die öffentliche Meinung zum Vietnamkrieg in den USA.

Zur Rolle von Hugh Thompson:

Bei einem Aufklärungsflug am 16. März 1968 im Gebiet des südvietnamesischen Dorfes My Lai wurde Thompsons Aufmerksamkeit durch am Boden liegende tote Zivilisten geweckt. Später sah die Helikopter-Crew, dass Captain Ernest Medina eine am Boden liegende Zivilistin trat und dann erschoss. Tompson landete und sprach mit Second Lieutenant William Calley. Zu diesem Gespräch übersetzt Wikipedia das folgende Zitat aus dem Buch

„The Forgotten Hero of My Lai: The Hugh Thompson Story, Seiten 119–120, Angers, 1999“:

„Thompson: ‚What’s going on here, Lieutenant?’ (Was ist hier los, Lieutenant?)

Calley: ‚This is my business.’ (Das ist meine Angelegenheit.)

Thompson: „What is this? Who are these people?“ (Was ist das? Wer sind diese Leute?)

Calley: ‚Just following orders.’ (Ich befolge bloß Befehle.)

Thompson: ‚Orders? Whose orders?’ (Befehle? Wessen Befehle?)

Calley: ‚Just following…’ (Befolge bloß …)

Thompson: ‚But, these are human beings, unarmed civilians, Sir!’ (Aber das sind Menschen, unbewaffnete Zivilisten, Sir!)

Calley: ‚Look Thompson, this is my show. I’m in charge here. It ain’t your concern.’ (Pass auf Thompson, das ist meine Angelegenheit hier. Ich habe hier das Kommando. Das geht dich nichts an.)

Thompson: ‚Yeah, great job!’ (Ja, tolle Arbeit)

Calley: ‚You better get back in that chopper and mind your own business.’ (Du gehst jetzt mal lieber zurück in deinen Hubschrauber und kümmerst dich um deinen eigenen Kram)

Thompson: ‚You ain’t heard the last of this!’ (Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen!).“

Thompson hob ab und sein Bordschütze Andreotta berichtete, dass der Soldat Mitchell weiter Menschen exekutierte. Thompson sah eine Gruppe Zivilisten, die in Panik flohen und sich in einem Bunker versteckten und von amerikanischen Soldaten verfolgt wurden. Thompson landete zwischen Verfolgern und Gejagten und sagte seinen Bordschützen Colburn und Andreotta, dass sie das Feuer auf die US-Soldaten eröffnen sollen, falls diese versuchen sollten, die Zivilisten zu ermorden. Thompson stieg aus und redete mit dem Zugführer Stephen Brooks. Er erklärte diesem, dass er die Zivilisten aus dem Bunker holen wolle. Brooks schlug ihm statt dessen vor, eine Handgranate in den Bunker zu werfen. Thompson, der vom militärischen Grad her tiefer als Brooks stand, versuchte mit diesem zu diskutieren. Es gelang ihm, insgesamt elf Vietnamesen an Bord zu bringen und zu evakuieren. Beim Weiterflug sah Thompson in einem Bewässerungsgraben ein noch lebendes Kind, welches von Andreotta herausgeholt wurde.

Thompson forderte zwei weitere Hubschrauber zur Hilfe an, die für die medizinische Versorgung der elf verwundeten Vietnamesen sorgen sollten. Während der Helikopter wegflog entdeckte Andreotta Bewegungen in einem Bewässerungsgraben, woraufhin Thompson erneut landete und die Crew ein Kind zwischen den Toten barg. Das Kind wurde zusammen mit den anderen Verletzten in das Krankenhaus von Quảng Ngãi transportiert.

Quelle: Wikipedia

Kommentar & Ergänzung:

Unter welchen Bedingungen es zu solchen Massakern kommen kann, ist eine wichtige Frage.

Harald Welzer hat dazu ein erhellendes Buch geschrieben:

„Täter – wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden“ (Fischer Taschenbuch, 5. Auflage September 2011)

Das Massaker von My Lai scheint inzwischen weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein. Aus der jüngeren Vergangenheit eher im Gedächtnis haften geblieben sind wohl die Massaker in Ruanda und in Ex-Jugoslawien.

Eindrücklich dokumentiert hat den Weg zum Massenmörder Christopher R. Browning im Buch „Ganz normale Männer“ (Rororo Taschenbuch), das die Beteiligung des Reserve-Polizeibataillons 101 an der „Endlösung“ in Polen darstellt.

Genauso wichtig wie die Frage, wie aus ganz normalen Männern Massenmörder werden, scheint mir die Frage, wie ein Mensch wie Thompson es schafft, in einer derart kritischen Situation seine Integrität zu wahren, sich dem Konformitätsdruck zu entziehen und ethischen Massstäben gemäss zu handeln.

Im Wikipedia-Text über Thompson steht, dass seine Aufmerksamkeit durch am Boden liegende tote Zivilisten geweckt wurde.

„Aufmerksamkeit“ ist in diesem Zusammenhang ein interessantes Stichwort. Der Philosoph Robert Spaemann schreibt dazu:

„Man könnte das Böse geradezu definieren als Verweigerung der Aufmerksamkeit. Wer schlecht handelt, weiss nicht, so könnte man sagen, was er tut. Die Sache ist nur die: er will es auch gar nicht wissen. Und eben darin und nicht in einer ausdrücklich schlechten Absicht liegt das Böse…..Was macht eine Handlung gut? Die Güte einer Handlung muss etwas zu tun haben mit Aufmerksamkeit, etwas mit dem ungetrübten Blick auf die Wirklichkeit. Was kann den Blick trüben? Vielerlei. Die Übermacht der Reize des Augenblicks, Sinnlichkeit, Machtstreben, Ideale. Auch Ideale.“

(aus: Robert Spaemann, Moralische Grundbegriffe, C. H. Beck Verlag 1986, Seite 87)

„Aufmerksamkeit“ erklärt wohl nicht vollständig das menschliche und mutige Handeln dieser Helikopter-Crew inmitten des Grauens. Aber Aufmerksamkeit zieht sich wie ein Faden durch die geschilderten Szenen.

Und es dürfte sich lohnen, über eine „Aufmerksamkeitsethik“ im Sinne von Robert Spaemann nachzudenken.

Ausserdem:

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

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Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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