Susan Neiman schreibt zu diesem Thema:

„Europa kann ein Beispiel dafür geben, wie kulturelle Vielfalt mit politischer Einheit zusammenkommt – nämlich dann, wenn Europa seine eigenen Ideale (wieder)entdeckten würde. Für viele Europäer ist Europa heute nur ein Binnenmarkt, betrieben von einer Bürokratie in Brüssel, die selbst wiederum von einer neoliberalen Wirtschaft bestimmt wird. Zu einer Zeit, wo man täglich über das Ende der EU spekuliert, kann es tollkühn erscheinen, Europa zu preisen. Doch Aussenseiter sehen manches deutlicher als die Europäer selbst. Für sie bleibt Europa trotz aller Schwierigkeiten nicht nur ein Ort, wo hundertjährige Kriege durch friedliche Verhandlungen ersetzt wurden, sondern auch ein Ort, wo die Ideale einer sozialen Solidarität lebendig praktiziert werden: wo medizinische Versorgung, Wohnen und Bildung nicht nur als Güter, sondern als Rechte verstanden werden. Für Menschen von Dakar bis Dallas ist Europa ein Ort, wo Rechtsstaatlichkeit in hohem Mass herrscht und Gleichheit vor dem Gesetz anerkannt wird.

Jeder, der Zeitung liest, weiss aber auch, wie oft Europa seine eigenen Ideale verletzt. Es liegt an den Bürgern Europas selbst, darauf zu bestehen, dass Europa seinen besten Qualitäten treu bleibt. Zunächst müssen die Bürger erkennen, dass kein anderer Ort der Welt so viel für demokratische, ja, sozialdemokratische Werte tut wie dieses oft so beschimpfte Europa.  Identitäten werden auf Traditionen aufgebaut, die von Musik über Feste bis hin zu Idealen reichen. Europa darf nicht mehr verstanden werden als etwas, das wir nur ertragen, sondern als etwas, das wir aktiv anstreben.“

Zitat aus:

Widerstand der Vernunft, Ein Manifest in postfaktischen Zeiten. Ecowin Verlag 2017

Das kleine und gut lesbare Buch kann in meinem Buchshop angeschaut und dort via Buchhaus bestellt werden (hier).

Die Philosophin Susan Neiman wurde 1955 in Atlanta, USA, geboren und ist Direktorin des Einstein Forums in Potsdam. Sie weist meines Erachtens zu Recht auf die Bedeutung europäischer Werte hin. Nur scheinen diese Werte vielen Europäerinnen und Europäern gar nicht bekannt zu sein. Wie sollen sie diese dann verteidigen und einfordern gegen innen – zum Beispiel gegenüber Angriffen von Populisten und Extremisten aller Art, aber auch gegenüber manchen Massnahmen der eigenen Regierungen – und gegen aussen – zum Beispiel gegen Autokratien? Und natürlich basiert auch die Schweiz auf den von Neiman postulierten europäischen Werten.

Der Wert eines funktionierenden Rechtsstaates und einer von der Regierung unabhängigen Verwaltung beispielsweise kann vielleicht nur jemand wirklich erfassen und schätzen, der ohne diese europäische Errungenschaft auskommen muss. Dass Populismus den Rechtsstaat gefährdet oder gar demontiert, sieht man in Ungarn, in Polen, in den USA, und in Ansätzen sogar in der Schweiz.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.