Weiden mit Bergahornbäumen sind Hotspots der Biodiversität: In diesen Kulturlandschaften wachsen über 500 Moos- und Flechtenarten, wie der Botaniker Thomas Kiebacher von der Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) herausfand. Über fünfzig dieser Moos- und Flechtenarten stehen auf Roten Listen der gefährdeten Arten.

Thomas Kiebacher untersuchte im Rahmen seiner Doktorarbeit den Moos- und Flechtenbewuchs an rund 90 Bäumen auf Bergahornweiden im Alpenraum. Das Forschungsprojekt zielte darauf ab, ein besseres Verständnis über die ökologischen Ansprüche von Moosen und Flechten zu bekommen und darüber, wie diese gezielt geschützt werden können. Denn etwa 40 Prozent aller Moos- und ein Drittel der baum- und erdbewohnenden Flechtenarten in der Schweiz sind gefährdet.

Kiebacher als Forscher möchte auch dazu beitragen, Bergahornweiden zu erhalten. Denn diese parkähnlichen Landschaften sind Zeugen einer jahrhundertealten Bewirtschaftung durch den Menschen. Sie wurden früher nicht nur dals Weideland genutzt. Das Laub wurde auch als Futter und als Einstreu in den Ställen genutzt und das Holz der Bäume als Heizmaterial.

Zahlreiche dieser Kulturflächen sind allerdings schon verschwunden: Tote Ahornbäume werden kaum mehr wie früher ersetzt, sagten Zeitzeugen dem Wissenschaftler.

Während zweier Jahre sammelte er an sechs Standorten in der Schweiz, Österreich und Deutschland über 20‘000 Moos- und Flechtenproben. Die Ergebnisse dazu stellte er in verschiedenen Fachstudien vor.

Seine Studien haben gezeigt, dass auf Bergahornweiden etwa ein Fünftel aller in der Schweiz bekannten Moos- und Flechtenarten wachsen. Kiebacher fand 314 Moos- und 232 Flechtenarten, von denen über fünfzig Arten gefährdet sind. Er fand ausserdem auf einigen Bergahornen das seltene und europaweit geschützte Rudolphis Trompetenmoos (Tayloria rudolphiana), welches beinahe ausschliesslich in den Nordalpen vorkommt. Die Schweiz trägt darum eine hohe Verantwortung für diese Pflanzenart.

Um die Flechten und Moose der Bäume möglichst vollständig zu dokumentieren, kletterte der Botaniker gar bis in die Baumwipfel. Die Mühe lohnte sich, weil ein Drittel aller Moose und sogar zwei Drittel der Flechtenarten nur in den Baumkronen zu finden ware, unter anderem weil dort ganz besondere ökologische Bedingungen herrschen. Diese Erkenntnis sei sehr wichtig, sagt Kiebacher. Sie zeigt, dass in Biodiversitätsstudien von baumbewohnenden Moosen und Flechten möglichst auch die Baumkronen berücksichtigt werden sollten, sonst werden zahlreiche und insbesondere seltene Arten übersehen. Thomas Kiebacher ist in Europa einer der wenigen Wissenschaftler, der diese spezielle Sammeltechnik bisher angewendet hat.

Nicht nur die Bergahornbäume zeigen eine grosse Artenvielfalt, sondern auch die Bodenvegetation der Bergahornweiden. Dort fand der Forscher total beinahe 350 Gefässpflanzen- und über 250 Moosarten. Diese hohe Artenvielfalt erklärt der Wissenschaftler mit den vielfältigen Standortbedingungen auf den Bergahornweiden, denn durch die locker stehenden Bäume entsteht ein Mosaik beschatteter und besonnter Lebensräume.

Kiebacher konnte durch seine Studien zeigen, dass die Artenvielfalt auf alten Bergahornen am höchsten ist. Es gibt aber auch Arten, wie zum Beispiel das gefährdete Grosssporige Goldhaarmoos (Orthotrichum rogeri), die vor allem auf jungen Bäumen wachsen. Für eine hohe Artenvielfalt und die langfristige Sicherung der Bergahornweiden sei es darum wichtig, Bäume unterschiedlichen Alters zu erhalten, sagt der Forscher.

Kiebacher erhofft sich durch seine Studien, dass der bisher vernachlässigte Lebensraum und seine Artenvielfalt in der Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit bekommt und weitere Schutzprojekte für Bergahornweiden wie zum Beispiel dasjenige im Diemtigtal (BE) umgesetzt werden.

Quelle:

https://idw-online.de/de/news679519

Kommentar & Ergänzung:

Bergahornweiden sind wirklich sehr schöne traditionelle Kulturlandschaften. Dass sie so wertvolle Lebensräume für Moose und Flechten sind, war mir bisher nicht bewusst.

Auf meinen Kräuterwanderungen sind schöne Bergahornweiden vor allem anzutreffen im Eriztal  (Berner Oberland) und auf dem Gumen bei Braunwald.

Der Bergahorn (Acer pseudoplantanus) ist auch eine wichtige Nektar- und Pollenquelle für Honigbienen (Bienenweide).

Der Blutungssaft im zeitigen Frühling wurde früher, wie heutzutage noch bei Acer saccharum (Zucker-Ahorn) zur Zuckergewinnung genutzt, weil in dieser Jahreszeit die im Winter als Stärke gespeicherten Assimilate in Form von Rohrzucker in die austreibenden Knospen transportiert werden.