[Buchtipp] „Postfaktisch”, Die neue Wirklichkeit in Zeiten von Bullshit, Fake News und Verschwörungstheorien von Vincent F. Hendricks und Mads Vestergaard

Verlagsbeschreibung

“Eine Demokratie befindet sich in einem postfaktischen Zustand, wenn politisch opportune, aber faktisch irreführende Behauptungen anstatt Fakten als Grundlage für die politische Debatte, Meinungsbildung und Gesetzgebung dienen. Wer diese Entwicklung bremsen will, muss verstehen, was sie verursacht.”

Mit Macht dringen populistische Aussagen, alternative Tatsachen und Fake News in die öffentliche Debatte ein. Desinformation hat sich so ausgeweitet, dass wir alle uns dazu verhalten müssen – Politiker, Journalisten und Bürger. Im Zeitalter der Information ist Aufmerksamkeit gleichzusetzen mit Geld, Macht und Einfluss, auch wenn das auf Kosten von Tatsachen geschieht.

Mit ihrem Bestseller Postfaktisch legen die Philosophen Vincent F. Hendricks und Mads Vestergaard eine zusammenhängende Analyse der Mechanismen vor, die uns etwas als wahr betrachten oder empfinden lassen. Ihr Buch beschreibt die Entwicklung hin zu einer postfaktischen Demokratie und benennt die Gewinner und Verlierer der neuen Aufmerksamkeitsökonomie. Ein eindringlicher Weckruf zu einer Zeit, da die “Wirklichkeit” zunehmend eine Frage von Klickzahlen scheint. Zum Shop

Kritiken und Kommentare

“Eine philosophische Analyse der Medienwelt in der Epoche des Donald Trump und seinem postfaktischen Verhältnis zu Tatsachen.”    Deutschlandfunk Kultur

Zu den Autoren Vincent F. Hendricks und Mads Vestergaard

Vincent F. Hendricks, Jahrgang 1970, ist Professor für Formale Philosophie und Direktor des Center for Information and Bubble Studies (CIBS) an der Universität Kopenhagen. Für seine Forschung wurde er mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Elite Research Prize des dänischen Forschungsministeriums. Er ist Mitglied des Institut Internationale de Philosophie, Gewinner des Kopenhagener Science Slams 2015 und Koautor des Buches Infowars (2016).
Mads Vestergaard ist Doktorand am Center for Information and Bubble Studies (CIBS) der Universität Kopenhagen, wo er seinen Master in Philosophie machte. Darüberhinaus ist er u.a. Gründer und ehemaliger Vorsitzender der “Nihilistischen Volkspartei”, einem dänischen Kunst- und Satireprojekt.

Kommentar von Martin Koradi

Dieses Buch ist wichtig und sehr informativ. Die Autoren schildern fundiert und verständlich, wie Desinformation, Fake News und Verschwörungstheorien zustande kommen und die Demokratie gefährden. Sie plädieren nachvollziehbar dafür, Fehlinformation im digitalen Zeitalter den globalen Herausforderungen zuzurechnen, genau wie die Klimaveränderungen, zunehmende ökonomische Ungleichheit, die Krise der Wasserversorgung, weltumspannende Gesundheitsprobleme und einige andere drängende Themen.

Digitale Fehlinformation werde nicht allein ausgelöst durch Terrorismus, Cyberangriffe und die lichtscheue Einmischung fremder Mächte, wie beim Versuch von russischer Seite,  die Brexit-Abstimmung und die Präsidentschaftswahlen in den USA zu beeinflussen.

Es reiche daher nicht, Schurken zu ermitteln und zu benennen:

„Richtet sich alle Aufmerksamkeit auf solche halbseidenen und total finsteren Akteure, können die strukturellen Bedingungen übersehen werden, die Fehlinformationen blühen lassen. Es wird dann schwer, wenn nicht unmöglisch, diese Ströme und ihre schädlichen Auswirkungen einzudämmen.

Um uns vor Fehlinformationen schützen und um externen Einfluss auf die Bildung politischer Meinungen und auf demokratische Wahlen verhindern zu können, ist es wichtig, dass wir das Milieu verstehen, in welchem Information produziert und verbreitet wird.“

Dieses Verständnis vermitteln die Autoren ausgezeichnet. Sie zeigen auf, wie die Jagd nach Aufmerksamkeit in einem Markt der Informationen zu Desinformation, politischen Blasen, Populismus und letztendlich zu einer postfaktischen Demokratie führt:

„Wir leben in einem Überfluss an Information, welcher wiederum Knappheit an Aufmerksamkeit erzeugt, was Aufmerksamkeit in eine wertvolle Ressource verwandelt. Werbung und traffic bedeuten Geld, Macht und politischen Einfluss. Dabei spielen Wahrheit und Fakten und wirkliche soziale Herausforderungen nicht länger die Hauptrolle. Um zu verhindern, das die Jagd nach Aufmerksamkeit die Aufklärung und die Vermittlung wahrhaftsgetreuer Information verdrängt, müssen wir die Mechanismen, die strukturellen Voraussetzungen und die Entwicklung der neuen Kommunikationsmöglichkeiten studieren und verstehen……..

Es gab Zeiten, da konnten Despoten das Informationsniveau der Bevölkerung als Macht- und Herrschaftsstrategie auf einem absoluten Minimum halten sowie durch Zensur und Strafe die Quellen für ungelegene Information unterdrücken. Einige Machhaber versuchen das immer noch. Der Kampf für die Meinungsfreiheit ist auch ein Kampf gegen diese Herschaftsstrategie. Im Informationszeitalter lässt sich von Zeit zu Zeit auchohne Zensur und Verletzung der Meinungsfreiheit ein ganz ähnlicher propagandistischer Effekt erzielen, indem man Bürger, Wähler und die Presse mit Fehlinformationen überhäuft. Durch Fehlinformationen werden die politische Opposition, die Bürger und die Presse verwirrt, wodurch die Machthaber mit so einigem davonkommen. Erst recht, wenn das Hand in Hand geht mit stark verbreitetem Misstrauen – ob nun begründet oder nicht – gegenüber der Presse, die als Wachhund im Auftrag der Bevölkerung agieren soll. Meinungsfreiheit allein ist kein Bollwerk gegen eine solche Herrschaftstaktik in Sachen Information. Was aber könnte das Bollwerk dann sein? Wohlgemerkt, ohne dass es die Einschränkung der Meinungsfreiheit mit sich führen und damit die Freiheit, Aufklärung und Demokratie untergraben würde. Die Annäherung an diese ausgesprochen schwere, aber brennende Frage erfordert ein Verständnis der technologischen, merktmässigen und psychologischen Bedingungen, die Fehlinformation wirksam werden lassen.“

Vincent F. Hendricks und Mads Vestergaard vermitteln Verständnis für diese Bedingungen. Ihrem Buch ist deshalb grösstmögliche Verbreitung  und aufmerksame Lektüre zu wünschen.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

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