„Mit Erfahrung wird oft das aus persönlichen Beobachtungen gewonnene Wissen bezeichnet. Doch leider…..kann man dabei einer Täuschung unterliegen, z.B. weil man nur auf die eigene Meinung bestätigende Fälle achtet u. ä. (man nennt das den “confirmation bias”; dt. Bestätigungstendenz). Um die eigenen Beobachtungen zu überprüfen, ist es notwendig, entsprechende Sicherheitsmassnahmen gegen die Selbsttäuschung zu ergreifen. Einfach „Aufpassen“ genügt nicht! …“Erfahrung“ ist demnach nicht getestetes Wissen aus Beobachtung. „Erfahrungswissen“ kann wahr sein, muss es aber nicht.“

Christoph Bördlein, Psychologe, in: Das sockenfressende Monster in der Waschmaschine, Eine Einführung ins skeptische Denken, Alibri Verlag 2002

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Kommentar & Ergänzung:

Im Bereich von Komplementärmedizin / Naturheilkunde werden Heilmethoden sehr häufig ausschliesslich mit persönlichen Erfahrungen begründet: „Es wirkt einfach!“ Dabei fehlt oft jedes Bewusstsein für die Irrtumsanfälligkeit solcher Eindrücke. Wir können keine reinen Erfahrungen machen, die uns direkt Erkenntnisse vermitteln. Wir stecken nämlich mit unserer Person in jeder Erfahrung voll mit drin. Wir sind Gestalter und gleichzeitig Interpreten unserer Erfahrungen.

Im Umfeld von Komplementärmedizin / Naturheilkunde spricht man häufig von Erfahrungsheilkunde. „Erfahrung“ wird dabei zur zentralen Begründungsinstanz, bleibt aber als Begriff in der Regel sehr vage. Was heisst „Erfahrung“ genau?

Unsere Theorien und Überzeugungen selektionieren, welche Erfahrungen wir machen.

Unsere Theorien und Überzeugungen beeinflussen massgeblich die Interpretation unserer Erfahrungen.

Unsere Theorien und Überzeugungen beeinflussen sogar, an welche unserer Erfahrungen wir uns erinnern und welche wir leicht vergessen: Gut erinnert wird, was zu unseren Theorien und Überzeugungen passt, leicht vergessen geht, was ihnen widerspricht.

Komplementärmedizin bzw. Naturheilkunde bräuchten meines Erachtens dringend eine intensive und kritische Auseinandersetzung mit dem Thema „Erfahrung“. Es müsste geklärt werden, welche Art von Erfahrungen als gültig angesehen werden können. Auf den Prüfstand gehört dabei vor allem der Umgang mit Erfahrungen: Wie sind sie verarbeitet, geprüft und eingeordnet worden? Haben sie einer kritischen Diskussion unter Fachleuten standgehalten? Im Bereich der Phytotherapie gibt es diese kritisch-konstruktive Auseinandersetzung durchaus. Und es gibt eine reichhaltige Auswahl an Fachbüchern und Fachzeitschriften, in denen die Ergebnisse zusammengefasst werden. Leider wird aber diese im kritischen Diskurs geprüfte Erfahrung von nicht wenigen Vertretern der Pflanzenheilkunde kaum zur Kenntnis genommen, weil sie lieber an ihren persönlichen Erfahrungen und Eindrücken festhalten. Das ist eine Fixierung auf die eigene Person, die ein grosses Risiko von Fehleinschätzungen auf Kosten der Patientinnen und Patienten mit sich bringt.

Ein fundierter Umgang mit Erfahrungen wäre ein guter Beitrag zur Qualitätssicherung und in dieser Hinsicht braucht die Komplementärmedizin deutliche Fortschritte, wenn sie stärker anerkannt werden will. Statt aber an diesem Punkt ihre überfälligen „Hausaufgaben“ zu machen, versuchen die Lobby-Verbände der Komplementärmedizin die Anerkennung auf politischen Weg zu erzwingen, und eine grosse Zahl von Parlamentsmitgliedern fällt darauf herein – sei es nun aus Populismus, Naivität oder mangelnder Sachkenntnis. Dieses Manöver wird meines Erachtens scheitern.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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