Man muss eine Lüge in der Politik nur ausreichend häufig verbreiten, dann erscheint sie vielen Menschen als Wahrheit.

Auf diesen Vorgang wies die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling in einer ARD-Sendung über die Wahlen in den USA hin:

„Je öfter man eine unwahre Aussage hört, desto mehr wird sie für das Gehirn zur Wahrheit“, sagte Wehling. Es gebe eine Art „Einschleifeffekt“, wodurch die Aussagen irgendwann vertraut klingen und das Gehirn entscheidet dann, dass sie so ganz falsch ja nicht sein könnten. Dieser Mechanismus lasse sich sogar implizit messen. Explizit könnten Menschen das indes häufig nicht benennen. Betroffene merken diesen Vorgang also oft nicht.

Die Wahrnehmung von Wahrheit verschiebt sich, ohne dass wir es zunächst erkennen.

Quelle:

https://www.deutschlandfunk.de/sprachwissenschaft-je-oefter-man-luegen-hoert-desto-mehr.2850.de.html?drn:news_id=943266

 

Kommentar & Ergänzung:

Lügen gab es schon immer in der Politik – so wie in anderen Bereichen des Lebens auch. Aber meistens ging es dabei darum, sich nicht beim Lügen erwischen zu lassen. Ertappte Lügner mussten mit dem Ende ihrer Karriere rechnen.

Das scheint sich gerade zu ändern. Populisten wie Trump, Putin, Erdogan, Boris Johnson etc. lügen vollkommen schamlos und schaffen damit quasi ihre eigene Realität – und sie kommen damit offenbar bei vielen Menschen durch. Werden sie mit ihren Lügen konfrontiert, diffamieren sie konsequent ihre Kritiker der Lüge. Den Ausdruck „Fake News“ hat Trumnp inzwischen zum Kampfbegriff umdefiniert, mit dem er alles und jeden  niederknüppelt, der seine Sichtweise in Frage stellt.

Das ist eine sehr gefährliche Entwicklung. Wenn Wahrheit und Lüge vollkommen verschwimmen, können Mächtige nicht mehr in Frage gestellt und zur Rechenschaft gezogen werden. Wer die wirksamere Propaganda hat, wird sich durchsetzen.

Natürlich gab und gibt es Lügen und Propaganda auch ausserhalt des Populismus. Aber es ist eine ganz andere Dreistigkeit des Lügens, die sich heute bei populistischen Politikern wie Trump zeigt.

Wenn Elisabeth Wehling sagt, dass eine Lüge als Wahrheit empfunden wird, wenn man sie genügend oft wiederholt, dann ist dieses Phänomen auch nicht neu. Und in Kriegszeiten hat auch schon früher Propaganda über Wahrheit dominiert.

Aber im digitalen Zeitalter haben Lügen grossen Vorsprung. Sie werden zum Beispiel über Plattformen wie Facebook und Twitter viel häufiger und schneller weiterverbreitet als wahre Textmeldungen. Für dieses massive Problem müssen wir gesellschaftliche Lösungen finden.

Hier gibt’s ein sehr informatives Buch dazu in meinem Buchshop:

„Postfaktisch“

Die neue Wirklichkeit in Zeiten von Bullshit, Fake News und Verschwörungstheorien, von Vincent F. Hendricks und Mads Vestergaard

Von Elisabeth Wehling finden Sie im Buchshop zudem ein sehr interessantes Buch zum Thema „Politisches Framing“.  Es deckt auf, wie Sprache sich auf unser Denken, unsere Wahrnehmung der Welt und unser Handeln auswirkt.

Zum Thema Wahrheit und Lüge habe ich hier einen Text publiziert:

Triumph der Meinung über Fakten, Wahrheit und Fachwissen – das kann nicht gut gehen.

Wir müssen dieses Problem gesellschaftlich lösen und dazu scheint es mir wichtig, dass sich Menschen, denen Demokratie und Rechtsstaat am Herzen liegen, in grosser Zahl organisieren. Das kann man natürlich in verschiedenen Organisationen. Vor kurzem wurde zum Beispiel „Courage Civil“ gegründet und macht mir einen guten Eindruck. Schauen Sie sich doch die Website mal an.