In seiner Schrift „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung“ (1784) erklärt der Philosoph Immanuel Kant (1724 – 1804) in ziemlich drastischen Worten, weshalb ein großer Teil der Menschen zeit ihres Lebens unmündig bleiben und dies auch noch gerne sind.

Wikipedia erläutert dazu:

«In dem nun folgenden Absatz erklärt Kant, warum ein großer Teil der Menschen, obwohl sie längst erwachsen sind und fähig wären selbst zu denken, zeit ihres Lebens unmündig bleiben und dies auch noch gerne sind. Der Grund dafür sei „Faulheit und Feigheit“. Denn es sei bequem, unmündig zu sein. Das „verdrießliche Geschäft“ des eigenständigen Denkens könne leicht auf andere übertragen werden. Wer einen Arzt habe, müsse seine Diät nicht selbst beurteilen; anstatt sich selbst Wissen anzueignen, könne man sich auch einfach Bücher kaufen; wer sich einen „Seelsorger“ leisten könne, brauche selbst kein Gewissen. Somit sei es nicht nötig, selbst zu denken, und der Großteil der Menschen (darunter das „ganze schöne Geschlecht“) mache von dieser Möglichkeit Gebrauch. So werde es für andere leicht, sich zu den „Vormündern“ dieser Menschen aufzuschwingen. Diese Vormünder sorgten auch dafür, dass die „unmündigen“ Menschen „den Schritt zu Mündigkeit“ außer für beschwerlich auch noch für gefährlich hielten. Kant vergleicht hier die unaufgeklärten Menschen drastisch mit „Hausvieh“, das dumm gemacht worden sei. Sie würden eingesperrt in einen „Gängelwagen“, dies war im 18. Jahrhundert ein Korbgestell auf Rädern, mit dem Kinder das Laufen lernten. Diesen „Eingesperrten“ würden von ihren Vormündern stets die Gefahren gezeigt, die ihnen drohten, wenn sie versuchten selbstständig zu handeln. So werde es für jeden einzelnen Menschen schwer, sich allein aus der Unmündigkeit zu befreien – zum einen, weil er sie „liebgewonnen“ habe, weil sie bequem sei, und zum anderen, weil er inzwischen größtenteils wirklich unfähig sei, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn nie den Versuch dazu habe machen lassen und ihn davon abgeschreckt habe.»

 

Hier dazu das passende Originalzitat von Immanuel Kant:

«Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschliessung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so grosser Theil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurtheilt, u. s. w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe es nicht nöthig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdriessliche Geschäft schon für mich übernehmen. Dass der bei weitem grösste Theil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, ausser dem dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, dass diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt ausser dem Gängelwagen, darin sie sie einsperrten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen droht, wenn sie es versuchen allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so gross nicht, denn sie würden durch einige Mal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern und schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.

Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar lieb gewonnen und ist vor der Hand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen liess. Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Missbrauchs seiner Naturgaben, sind die Fussschellen einer immerwährenden Unmündigkeit. Wer sie auch abwürfe, würde dennoch auch über den schmalsten Graben einen nur unsicheren Sprung thun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist. Daher gibt es nur Wenige, denen es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung ihres Geistes sich aus der Unmündigkeit heraus zu wickeln und dennoch einen sicheren Gang zu thun.

Dass aber ein Publicum sich selbst aufkläre, ist eher möglich, ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit lässt, beinahe unausbleiblich. Denn da werden sich immer einige Selbstdenkende….finden, welche, nachdem sie das Joch der Unmündigkeit selbst abgeworfen haben, den Geist einer vernünftigen Schätzung des eigenen Werths und des Berufs jedes Menschen selbst zu denken um sich verbreiten werden……Nun höre ich aber von allen Seiten rufen: räsonnirt nicht! Der Offizier sagt: räsonnirt nicht, sondern exercirt! Der Finanzrath: räsonniert nicht, sondern bezahlt! Der Geistliche: räsonnirt nicht, sondern glaubt!…Hier ist überall Einschränkung der Freiheit.»

Immanuel Kant, 1724 – 1804, Philosoph in Königsberg

Kommentar & Ergänzung:

Das ist einer der bekanntesten Texte des grossen Immanuel Kant. Er rät also den Lesenden, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, hat aber an dieser Stelle nichts dazu gesagt, wie das im Detail geschehen soll. Kant richtete sich mit diesem Ratschlag vornehmlich gegen den Dogmatismus der Religionen, doch kann und muss man diese Aufforderung heute weiter fassen. Dazu lohnt es sich, ergänzend einige Gedanken hinzuzufügen.

Das Thema, um das es hier geht, heisst Meinungsautonomie, und Kant richtet sich dabei an den einzelnen Menschen. Marie-Luisa Frick beschreibt dies in ihrem Buch „Zivilisiert streiten“ als „individualethische Komponente“ und fügt darüber hinaus eine „sozialethische Komponente“ hinzu.

Zitat Marie-Luisa Frick:

«In Kants Aufklärungsschrift, in der er nach den Ursachen dafür fragt, warum Aufklärung so schwer zu erreichen ist, trifft man auf den Vorwurf der Faulheit (und Feigheit), sich des eigenen Verstandes zu bedienen und stattdessen lieber andere für sich denken und entscheiden zu lassen. Dem Prinzip der Meinungsautonomie zu folgen, bedeutet demnach in erster Linie, bestimmten Formen dieser Trägheit zu widerstehen (individualethische Komponente), etwa der Trägheit, den bequemsten Weg der Informationserlangung zu wählen (etwa durch Verzicht auf die Kenntnisnahme verschiedenster Medien, mitunter auch in verschiedenen Sprachen); der Trägheit, das eigene Denken durch Verweise auf Autoritäten zu entlasten (etwa indem man Argumente von Meinungsautoritäten wiedergibt, ohne je versucht zu haben, eigene zu entwickeln); oder auch der Trägheit, sich Meinungsdruck zu beugen (etwa indem man immer auf der Seite der Mehrheitsmeinung steht).»

 

Es spricht allerdings viel dafür, dass es nicht ausreicht, individualethisch an die Moral des Einzelnen zu appellieren, damit er oder sie den eigenen Verstand einsetzt.

Marie-Luisa Frick fügt dem Kant’schen Appell daher noch eine sozialethische Komponente hinzu:

«Das Prinzip der Meinungsautonomie besitzt darüber hinaus noch eine sozialethische Komponente:  Sie besteht darin, erstens sensibel zu sein für Strukturen, die eine Gängelung oder Manipulation von Meinungen zur Folge haben können, und zweitens an ihrer Überwindung mitzuwirken. Welche dies sind, ist dabei freilich selbst wiederum Gegenstand politischer Konflikte, und wir dürfen auch hier keinen Konsens erwarten. Eindeutiger hingegen ist die Frage zu beantworten, welche Strukturen in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit erfordern: Dies sind jene, die Meinungen transportieren, also Sprache und Medien.»

 Mir scheint, wenn Kant die Menschen auffordert, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, dann geht es nicht um intellektuellen Höchstleistungssport. Es geht um viel Fundamentaleres. Zum Beispiel darum, nicht jede Behauptung naiv zu glauben und nachzuplappern. Stattdessen müssen wird immer wieder lernen, kritische, prüfende Fragen zu stellen und uns eine eigene, fundierte Meinung zu bilden.

Kant’s Text ist jedenfalls auch heute noch aktuell, und das nicht nur im gesellschaftlichen und politischen Bereich.

So gibt es beispielsweise auch im Bereich von Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde einen Trend zum blinden Glauben an jedes auch noch so obskure Heilungsversprechen. Deshalb ist es ausserordentlich wichtig – und ich wiederhole es darum immer wieder – dass Patientinnen und Patienten, Behandelnde und AusbildnerInnen sich ihres eigenen Verstandes bedienen. Wie man das in diesen Fachbereichen machen kann, das versuche ich in meinen Lehrgängen zu vermitteln, in der Phytotherapie-Ausbildung und dem Heilpflanzen-Seminar.

Expertenkrise: Pauschales Misstrauen

Zur blinden Gläubigkeit gibt es aber auch eine gegenteilige Haltung, die genauso heikel ist:  Das absolute und pauschale Misstrauen gegen Expertinnen und Experten.

Hier glauben die Menschen nur noch sich selber, dem eigenen Facebook-Freundeskreis, dem sogenannten gesunden Menschenverstand, den eigenen Erfahrungen…ohne dass sie sich darüber bewusst sind, wie irrtums- und täuschungsanfällig diese Instanzen sind.

Einer der Gründe dieser Expertenkrise liegt wohl in der Informationsflut, der wir inzwischen ausgesetzt sind. Sie begünstigt eine ungesunde Inflation der Meinungen, bei der tendenziell jeder und jede eine Meinung zu allem hat, ohne dass dem verlässliche Fakten zugrunde liegen. Frei nach dem Motto: Was kümmern mich Fakten, ich habe doch meine Meinung.

„Meinung“ wird in diesem Kontext dann leicht mit „Wissen“ verwechselt.

Auch dieses Phänomen zeigt sich in vielen Bereichen, nicht nur in Politik und Gesellschaft. Im Bereich von Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde zum Beispiel gibt es eine fast unendliche Meinungsinflation im Internet und selbstverständlich gilt auch hier weitestgehend die Meinungsfreiheit.

Das hat aber zur Folge, dass dem allergrössten Teil dieser Informationen keinerlei Qualitätskontrolle zugrunde liegt und das Internet über weite Teile zur Informations-Schrotthalde wird. Auch in Ausbildungen wird oft mehr Meinung verkauft als gesichertes Wissen.

Aber natürlich ist blindes Vertrauen in die Experten auch keine Lösung, wie schon Kant betont hat.

Die grosse Herausforderung liegt heute darin, eine gute Balance zu finden zwischen blinder Expertengläubigigkeit und blindem Expertenmisstrauen – politisch-gesellschaftlich genauso wie im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde.

Das informative Buch „Zivilisiert streiten“ von Marie-Luisa Frick gibts in meinem Buchshop zum Anschauen und auch zum Kaufen via buchhaus.ch (hier)