Michael Hampe, Professor für Philosophie an der ETH in Zürich, hat ein lesenswertes Buch geschrieben mit dem Titel „Die Dritte Aufklärung“.

Zitat daraus:

„Das Ziel aufklärerischer Bewegungen war stets: Reden, mit Argumenten streiten, statt die Armeen zu mobilisieren; Menschen zu bilden, damit sie andere Quellen intensiver Erfahrung erschliessen können als die Grausamkeit.

Für Aufklärer sind Kriegsvermeidung und Bildung immer wieder, mit jeder Generation von Neuem anzustreben. Denn das Bildungsniveau vererbt sich nicht anstrengungslos zwischen den Generationen, und die Erfahrung des Krieges ist durch Erzählungen allein nicht übertragbar. Deshalb kann das aufklärerische Ziel, Grausamkeiten zu vermeiden, nur erreicht werden, wenn jede Generation aufs Neue die entsprechenden Kultivierungs- und Bildungsanstrengungen auf sich nimmt. Die Einsicht in die Quellen der Grausamkeit führt nicht dazu, dass diese Quellen versiegen. Dass es immer wieder, auch nach zwei Aufklärungswellen in Europa, zu unvorstellbaren Grausameiten zwischen Menschen kommt, liegt daran, dass die fortwährende Kultivierung, die Aufklärungsprozesse fordern, nicht aufrechterhalten wird, die Anstrengungen der Bildung, die die Gestaltung eines nicht grausamen intensiven Lebens ermöglichen, erlahmen. Schlägertrupps, die sich an Waldrändern und auf öffentlichen Plätzen treffen, um »endlich zur Sache zu kommen«, die Wahl »starker Männer«, die mit Gewalt drohen oder sie gar ausüben, statt nur »ewig zu quatschen«, sind Symptome einer aufkeimenden Lebensweise, in der die Fähigkeit, intensive Erfahrungen und Sinnzusammenhänge zu erzeugen, ohne dass dabei Blut fliesst, abhandenzukommen droht.

Die Aufrechterhaltung der Bildungsanstrengungen ist an die Tradierung von Kulturpraktiken gebunden: Wahrheitspraktiken, Praktiken des Lesens, des Überzeugens und Argumentierens…..

Es geht um die Erhaltung und Fortentwicklung von Praktiken und Techniken, die ein sinnvolles gemeinschaftliches Leben zwar mit Wettstreit und über das individuelle Leben hinausgehenden kulturellen Perspektiven, doch ohne Grausamkeiten ermöglichen.“

Zitat aus:

Michael Hampe, Die Dritte Aufklärung, NP & I Verlag 2018

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Kommentar & Ergänzung:

Argumente verlieren seit einiger Zeit in Politik und Gesellschaft in beängstigendem Mass an Wert. Dazu kann ich nicht genug unterstreichen, wie wichtig mir die Wertschätzung des Arguments erscheint.

Werden Argumente negiert und durch Unterstellungen und persönliche Diffamierungen ersetzt, wird sich durchsetzen, wer am lautesten schreit und sich die stärkste Propaganda leisten kann. Und das kann ja niemand ernsthaft wollen, abgesehen von Propagandisten und Autokraten.

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zu Themen wie Demokratie, Populismus, Extremismus, Liberalismus, Digitalisierung…..