Der Autor Hannes Stein hat ein ausgesprochen anregendes Buch geschrieben mit dem Titel „Endlich Nichtdenken – Handbuch für den überforderten Intelektuellen“ (Eichborn 2004, leider vergriffen). In diesem Buch schildert Stein die Vorzüge von Verschwörungstheorien auf sehr treffende Art und Weise:

„Der unerreichbare Vorzug einer Verschwörungstheorie ist, dass Sie Ihnen erlaubt, alles perfekt zu verstehen. Sie verrät Ihnen, dass alles Übel in der Welt von IHNEN kommt, wer immer SIE auch sein mögen. Wer nicht an weltumspannende Konspirationen glaubt, der denkt, dass in jedem Menschenantlitz das Gesicht eines Verbrecher schläft; dass der islamische Selbstmordmörder und der russische Mädchenvergewaltiger in Tschetschenien und der korrupte afrikanische Autokrat und der banale Schwiegermutterschlitzer von nebenan jeder auf seine ureigene Art böse sind. Der Verschwörungstheoretiker dagegen weiss, dass hinter all diesen Masken des Bösen dasselbe Prinzip lauert. Und zwar immer. So löst sich auf elegante Weise eine Frage, die Philosophen schon ziemlich lange beschäftigt: das Theodizeeproblem. In der Bibel steht ja, dass Gott allmächtig und gut ist; und nachdem er die Welt geschafffen hatte, da sah er, dass sie insgesamt sehr gut war. Tatsächlich aber leiden viele Menschen, die das nicht verdient haben. Oft genug wird der Böse nicht bestraft, sondern freut sich seines Lebens, während der Gerechte daneben hungrig im Dreck sitzt. Wie kann man das erklären? Die Antwort, wenn man nicht nachdenken will, lautet: Der Teufel ist schuld. Genauer gesagt, sind jene schuld, die mit dem Teufel im Bund stehen – und das sind die Männer mit den schwarzen Sonnenbrillen.“

Das Theodizee-Problem hat die Philosophen und Theologen über Jahrhunderte beschäftigt. Im Kern geht es dabei um die Rechtfertigung Gottes angesichts der Übel in der Welt. Wie kann ein gütiger und zugleich allmächtiger Gott die Übel in der Welt zulassen? Wenn er allmächtig ist, könnte er eingreifen und die Übel stoppen, und wenn er zugleich gütig ist, würde er das auch tun. Ist er nur allmächtig, aber nicht gut, wird ihn das Übel nicht kümmern. Ist er nur gut, aber nicht allmächtig, wird er über die Übel entsetzt sein, kann aber nichts dagegen tun…….

Wenn Hannes Stein an dieser Stelle die Verschwörungstheorien in Verbindung mit dem Theodizee-Problem darstellt, weist das auf die religiösen oder pseudoreligiösen Elemente hin, die den Verschwörungstheorien eigen sind. Offensichtlich haben wir es hier mit einer säkularisierten ( = verweltlichten) Form des Teufelsglaubens zu tun.

Den Begriff „Verschwörungstheorie“ könnte man auch durch „Verschwörungsglauben“ ersetzen. Um eine Theorie im wissenschaftlichen Sinn geht es dabei sowieso nicht.

Verschwörungsgläubige verhalten sich auch oft so wie fundamentalistische Gläubige, wie man sie als Extremform aus vielen Religionen kennt.

Ähnlich wie ein religiöses System, dienen auch Verschwörungstheorien der Bewältigung und Reduktion von Kontingenz. Mit Kontingenz sind hier die Zufälligkeiten des Lebens gemeint, die eine grosse Herausforderung darstellen und oft als bedrohlich erlebt werden, weil sie das Sicherheitsbedürfnis erschüttern.

Hannes Stein schreibt dazu:

„Damit wird in Verschwörungstheorien jenes lästige Element der Wirklichkeit ausser Kraft gesetzt, das Carl von Clausewitz  «Friktion» nannte. Der preussische Militärtheoretiker meinte damit die Art von Reibung, die sich immer dann einstellt, wenn ein Kriegsplan mit dem Schlachtfeld in Berührung kommt: Tausend unberechenbare Zufälle verhindern, dass alles so funktioniert wie geschmiert. Ein Bataillon bleibt im Morast stecken; Nebel verhindert, dass eine Kanone an die strategisch richtige Position gelangt; Offizier Schulze hat sich vor Angst in die Hose gemacht. Diese «Friktion» gibt es nicht nur im Krieg, sie macht den Menschen überall dort zu schaffen, wo sie Pläne schmieden und mit der Realität konfrontieren. «Leicht beieinander wohnen die Gedanken», sagte Schiller, «doch hart im Raum stossen sich die Sachen.» In Verschwörungstheorien aber klappt die Sache immer wie am Schnürchen. Eine Gruppe von Finsterlingen hat sich in den Kopf gesetzt, die Weltwirtschaft oder die Aussenpolitik der USA zu manipulieren – und diesen Plan verwirklicht sie dann von Punkt A bis Punkt Z, ohne Fehler zu machen oder aufzufliegen. Mit anderen Worten: Die Kontingenz erscheint ausgeschaltet. Was für eine Erleichterung!“

Hannes Stein weist darauf hin, dass sich für jeden Geschmack eine Verschwörungstheorie findet und dass  sich Verschwörungstheorien auch fast beliebig kombinieren lassen. Diese beiden Phänomene haben sich seit dem Erscheinen des Buches 2004 mit Sicherheit verstärkt. Im Internet und via soziale Medien ist ein weltweiter Markt an Verschwörungtheorien entstanden. Jeder Interessent und jede Interessentin findet hier das passende „Produkt“ und eine mehr oder weniger grosse Gruppe von Gläubigen, die sich gegenseitig in ihren Ansichten bestätigt. Die Algorithmen von Google, Facebook & Co wirken dabei bestärkend, indem sie zu jedem Thema bevorzugt diejenigen Informationen liefern, die zur jeweiligen Verschwörungstheorie passen. Und da Verschwörungstheoretiker sowieso schon ausserordentlich gut darin sind, nur Informationen aufzunehmen, die ihre Verschwörungskonstrukte stützen, entsteht in kurzer Zeit schon ein festgefügtes Gebäude.

Hannes Stein schreibt:

Ein letzter Vorzug von Verschwörungstheorien, der hier bereits durchschimmert, ist, dss sie nicht widerlegbar sind. Jeder, der allzu heftig widerspricht, kann spielend überführt werden; er gehört selbst zu den Konspirateuren. (Beweisen Sie doch bitte, dass Sie nicht im Sold der sozialdemokratischen Partei Norwegens stehen!) Jedes alltägliche Detail, jede Meldung im Radio, jede Fernsehnachricht wird umgehend in die Verschwörungstheorie integriert….

Dabei verschafft die Konspirationstheorie ein Gefühl der Überlegenheit, ohne geistige Kosten zu verursachen. Denn derjenige, der an sie glaubt, weiss ja Bescheid; er steht darüber; er gehört nicht zu der blökenden manipulierten Herde, die unter seinen Füssen vorbeizieht.“

Quelle der Zitate:

Hannes Stein, „Endlich Nichtdenken – Handbuch für den überforderten Intelektuellen“ (Eichborn 2004, leider vergriffen).

Fassen wir die Vorzüge der Verschwörungstheorien zusammen:

  1. Sie erklären eine komplexe Welt scheinbar widerspruchsfrei und vermitteln ein Gefühl von „Durchblick“.
  2. Sie geben Orientierung und Halt, indem sie klarmachen, wo der Feind hockt.
  3. Sie reduzieren das unangenehme Gefühl, zufälligen Geschehnissen und Widerfahrnissen ausgeliefert zu sein (scheinbare Kontingenzreduktion).
  4. Sie sind jederzeit durch andere Verschwörungstheorien ersetzbar.
  5. Sie lassen sich kaum widerlegen, weil sie gegen kritische Einwände zuverlässig immunisiert sind.
  6. Sie vermitteln ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber denjenigen, die den „Durchblick“ nicht haben. So stabilisieren sie das Selbstwertgefühl.
  7. Damit verbunden ist oft eine Mission, die vielen „Schlafschafe“ in der Bevölkerung „aufzuklären“. Daraus lässt sich Sinn gewinnen.

 

Gefahren und Schäden durch Verschwörungstheorien

Verschwörungstheorien stehen einem angemessenen Verständnis der Wirklichkeit entgegen. Das führt nicht automatisch zu gröberen Problemen. Allerdings führt unser Denken über die Wirklichkeit oft zu entsprechenden Handlungen. Wie zum Beispiel bei jenem Amerikaner, der am 4. Dezember 2016 mit einem Sturmgewehr in einer Pizzeria in Washington herumballerte, weil dort laut einer Verschwörungstheorie ein Kinderpornoring betrieben werde, an dem auch Hillary Clinton beteiligt sei (siehe „Pizzagate“ auf Wikipedia). Verschwörungstheorien lieferten auch die Grundlage für die beiden verbrecherischsten totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts, den Nationalsozialismus und den Stalinismus. Allerdings führt nicht jede Verschwörungstheorie zwangsläufig zu Gewalt.

Der zersetzende Einfluss von Verschwörungstheorien beginnt aber schon viel früher und bereits in demokratischen Gesellschaften. Das hat sehr viel damit zu tun, dass Verschwörungsfantasien eine Form von Misstrauen und Zweifel fördern, die pauschal, ungesund oder gar toxisch ist.

Es handelt sich um Misstrauen, das nicht der Wahrheitsfindung dient, sondern der Stabilisierung der eigenen Welt- und Feindbilder.

Es handelt sich um ein umfassendes, pauschales Misstrauen (Alle Experten sind gekauft! Alle Medien lügen!).

Gesundes Misstrauen, gesunde Skepsis, gesunde Kritik sind immer auf bestimmte Punkte begrenzt und sie beziehen sich manchmal auch auf eigene Positionen, nicht nur auf den Feind. Sie sind anlassbezogen und konkret.

Es wird also beispielsweise benannt, welchen Experten man als gekauft betrachtet und es werden Belege für diese Kritik vorgelegt. Es reicht nicht, einen Experten nur schon deshalb als gekauft zu diffamieren, weil er die Verdächtigungen des Verschwörungsgläubigen nicht teilt.

Es wird also beispielsweise benannt, welche konkrete Aussage in welcher Zeitung man als falsch betrachtet und es werden Belege für diese Kritik vorgelegt. Es reicht nicht, eine Zeitung oder einen TV-Sender nur schon deshalb als gekauft oder von einer geheimen Macht gesteuert zu diffamieren, weil er die Verdächtigungen des Verschwörungsglaubigen nicht teilt.

Das toxische Misstrauen der Verschwörungstheorien unterminiert ein unverzichtbares Grundvertrauen in demokratische Institutionen.

Vincent F. Hendricks und Mads Vestergaard schreiben dazu:

„Werden Verdacht und Misstrauen so total und finden mehr Gehör als nur in kleinen Nischen, untergräbt das nicht nur Wissenschaft, Aufklärung und effektives politisches Handeln sowie die Lösung von Problemen. Es untergräbt auch die Demokratie selbst.“

(in: „Postfaktisch – Die neue Wirklichkeit in Zeiten von Bullshit, Fake News und Verschwörungstheorien“ – im Buchshop hier)

Die Demokratie wird aber durch Verschwörungsglauben nicht nur über die Etablierung von toxischem Misstrauen geschädigt, sondern auch durch Absenz.

Wer glaubt, dass alles durch geheime Mächte im Hintergrund gesteuert ist, wird in der Regel nur noch sehr wenig Motivation dafür aufbringen, sich konstruktiv im demokratischen politischen Prozess zu engagieren.

Verschwörungstheorien haben deshalb oft einen entpolitisierenden Effekt.

Eine gute Einführung in das Thema Verschwörungstheorien bietet Michael Butter in seinem Buch „Nichts ist wie es scheint“. Eine Buchbesprechung dazu finden Sie im Buchshop (hier), wo das Buch auch via Buchhaus zu kaufen ist.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.