«Die Digital-Detox-Spiesser machen es sich zu einfach», schreibt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Wer aus Enttäuschung und Überforderung auf den Medienkonsum verzichte, handle egoistisch. Aber wie sieht das Dilemma im Umgang mit Medien nach Ansicht von Pörksen aus?

«Auf der einen Seite die engagierte Anteilnahme am Weltgeschehen, die im Extremfall zur permanenten Verstörung missraten kann. Auf der anderen Seite die Auswahl und Dosierung der Informationsaufnahme, die ihrerseits die Gefahr in sich birgt, in Ignoranz und Indifferenz abzustürzen.»

Pörksen fährt fort:

«Heute, da ein Donald Trump mit einem einzigen Tweet die Weltgemeinschaft in Aufruhr versetzt, wird immer lauter geklagt über das Medienspektakel der Sinnlosigkeit, das einem die Stimmung im eigenen Behaglichkeitskosmos vermiest.»

Der Medienwissenschaftler verweist auf den Schweizer Publizisten Rolf Dobelli, der verkündet hat, dass er gar keine Nachrichten mehr konsumiert. Solche Rückzügler sieht Pörksen kritisch:

«Politisch singen sie das Loblied der Vereinzelung, feiern den radikalen Individualismus, die Distanznahme und die Absonderung. Die Gesellschaft kommt allein als Störquelle vor.»

Dieser «medienkritische Eskapismus» besitze jedoch eine reale Ursache:

Da ist zum einen das Problem der Quantität, der schlichten Masse: Pro Jahr kommen zwei Millionen Bücher auf den Markt, werden 30 Milliarden Blogbeiträge und mehr als 180 Milliarden Tweets veröffentlicht. Da ist zum anderen das Problem der Qualität, der immer schwieriger werdenden Einschätzung, was denn nun stimmt, welche Quelle als seriös gelten kann. Und da ist schliesslich das Problem der Handlungsrelevanz von Nachrichten auf den globalen Medienmärkten: Wie lässt sich – im Bemühen um eine engagierte Zeitgenossenschaft – eine kluge Mischung aus Aufnahmebereitschaft und Abgrenzungsvermögen entdecken?»

Wer sich komplett zurückzieht aus der Medienwelt weicht der Aufgabe aus, diese kluge Mischung zu finden:

«Die Digital-Detox-Spiesser der Gegenwart und die Philosophen einer asozialen Einsamkeit haben es hier einfach. Sie leugnen, dass es dieses Dilemma gibt, weil sie ihren Nachrichtenkonsum primär entlang von Egorezepten organisieren.»

Pörksen fordert seine Leserinnen und Leser dazu auf, ihr Bewusstsein für dieses Dilemma mit wachem Gespür für das gerade noch Zumutbare zu schulen. Wir sollen uns – trotz der Beschwernis, die dies bedeutet – fragen: Wer ist betroffen? Was kann ich tun? Und welche Bedeutung besitzt ein Ereignis für die Allgemeinheit, die Menschheit oder auch für das Schicksal der Erde?

Quelle:

https://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/die-digitaldetoxspiesser-machen-es-sich-zu-einfach/story/12079170

Kommentar & Ergänzung:

Mir liegt es fern, Medien-Rückzügler zu beschimpfen. Klar ist aber auch, dass eine Demokratie informierte Bürgerinnen und Bürger braucht – und zwar qualitativ gut informierte.

Mir macht es Sorgen, wenn insbesondere jüngere Leute sich ausschliesslich über YouTube und Facebook informieren, die hochgradig von Falschmeldungen, Gerüchten und Verschwörungstheorien durchsetzt sind.

Ich stimme Bernhard Pörksen zu, dass es nicht einfach ist, diese «kluge Mischung aus Aufnahmebereitschaft und Abgrenzungsvermögen» zu finden, doch müssen wir es versuchen und uns dieser Herausforderung stellen.

Die Krise der Medienwelt macht diese Aufgabe nicht leichter. Facebook und Google entziehen den Qualitätsmedien einen grossen Teil der finanziellen Ressourcen und die Gratiskultur, die sich im Netz etabliert hat, verschärft die Unterfinanzierung.

Wer diese Medienkrise besser verstehen will, dem empfehle ich das Buch «Die Aufmerksamkeitsfalle» von Matthias Zehnder. Eine Zusammenfassung dieses Buches habe ich hier publiziert:

Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern

Bernhard Pörksen schlägt vor, dass wir uns zu einer redaktionellen Gesellschaft entwickeln,  in der die Grundfragen des Journalismus nach der Glaubwürdigkeit und Relevanz von Information zu einem Element der Allgemeinbildung geworden sind.

Das heisst, dass wir alle lernen, Informationen auf ihre Glaubwürdigkeit und Relevanz zu prüfen. Das ist ein interessanter, aber auch ziemlich ambitionierter Vorschlag. Pörksen beschreibt die Krisen der heutigen Gesellschaft und seine Lösungsvorschläge im empfehlenswerten Buch «Die grosse Gereiztheit».

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.