Wenn in der Pflanzenheilkunde vom „Wesen der Pflanzen“ die Rede ist, dann sollte man meiner Ansicht nach genauer hinschauen. Das „Wesen der Pflanze“ soll für ihre Wirkungen verantwortlich sein. In der Rede vom „Wesen der Pflanzen“ drückt sich eine Absolutheit aus, die fragwürdig ist. Dem möchte ich die bescheidenere Grundhaltung gegenüberstellen, wie sie das folgende Zitat von Karl Popper ausdrückt:

„Es dürfte uns gut tun, uns manchmal daran zu erinnern, dass wir zwar in dem Wenigen, das wir wissen, sehr verschieden sein mögen, dass wir aber in unserer grenzenlosen Unwissenheit alle gleich sind.“

Karl R. Popper (1902 – 1994), Philosoph, Wissenschaftstheoretiker.

Kommentar & Ergänzung:

Wissenschaftliches Wissen – das drückt Karl Popper hier aus – ist immer fragmentarisch und begrenzt. Es liegt gerade eine Stärke wissenschaftlichen Denken darin, dass es sich seiner Begrenztheit bewusst ist. Begrenztes Wissen ist aber für viele Menschen schwer akzeptierbar – sie streben nach dem absoluten, endgültigen Wissen. Beim Thema Pflanzenheilkunde findet man dieses Phänomen zum Beispiel in Büchern, die ein „Wesen“ der Pflanzen zu beschreiben vorgeben. Die Rede vom „Wesen“ einer Pflanze suggeriert etwas Absolutes, Ewiges, das unabhängig von irgendeiner Wahrnehmung existiert.: So wie die Pflanze für sich ist, unabhängig von meiner Wahrnehmung und Interpretation. Ob es ein solches Wesen gibt und ob wir Menschen es erkennen können, das wurde in der Geschichte der Philosophie sehr kontrovers diskutiert.

Wer beispielsweise behauptet, das Wesen der Ringelblume sei fröhlich, der verpackt eigene Assoziationen über die Ringelblume in eine absolute Aussage. Wer vom Wesen der Pflanze redet, spiegelt absolutes Wissen vor. Verglichen damit ist mir selber das bescheidenere und begrenzte wissenschaftliche Wissen sympathischer. Es bringt eben gerade mit sich, dass es noch nicht alles ist. Und neben dem immer fragmentarischen, wissenschaftlichen Pflanzenheilkunde-Wissen bleibt noch viel Platz für traditionelles Pflanzenwissen und für die Begegnung mit Pflanzen. In meinen Kursen wird Ihnen kein absolutes Wissen vorgegaukelt. Sie lernen die Heilpflanzen aus vielfältigen Perspektiven kennen – z. B. historisch, wissenschaftlich, ökologisch, biologisch – und trotzdem bleibt dieses Wissen fragmentarisch. Absolutes Wissen vorzugaukeln, das läuft auf ein Guru-System hinaus und davon gibt es im Bereich von Pflanzenheilkunde & Naturheilkunde schon mehr als genug.

Siehe auch:

Die fragwürdige Rede vom “Wesen der Pflanzen”

“Wesenhafte Urtinkturen” – genau nachfragen, statt blind glauben!

Wesen und Signatur der Heilpflanzen – Gänseblümchen….

Zum “Wesen der Heilpflanzen”: Storchenschnabel gegen Schock?

Pflanzenheilkunde: Nebulöse Aussagen vom “Wesen der Pflanzen”

Wer sich vertieftes Wissen über Wirkstoffe und Heilpflanzen-Anwendungen erwerben möchte, kann das in meinen Lehrgängen, dem Heilpflanzen-Seminar und der Phytotherapie-Ausbildung. Sie bekommen dabei eine fundierte Basis, um in diesem Bereich die Spreu vom Weizen zu unterscheiden.