Der britische Philosoph Bertrand Russell (1872 – 1970) hat 1938 ein Buch veröffentlicht mit dem Titel « Power. A New Social Analysis». Passend zum Zeitalter von Faschismus, Nationalsozialismus und Stalinismus.

Im Jahr 1947 folgte eine deutsche Ausgabe mit dem Titel «Formen der Macht».

Im folgenden Zitat schreibt Bertrand Russell über die Voraussetzungen für Demokratie und wie man Menschen darin stärken kann, der Autokratie und ihrer Propaganda zu widerstehen. Da Demokratien seit einigen Jahren weit unter Druck stehen und autokratische Regierungsformen zunehmen, bekommt der Text erneut Bedeutung.

Bertrand Russell zu Demokratie & Wahrheit

«Das für den Erfolg der Demokratie erforderliche Temperament im praktischen Leben gleicht durchaus dem wissenschaftlichen Temperament im Geistesleben; es ist genau in der Mitte zwischen Skepsis und Dogma angesiedelt. Es hält die Wahrheit weder für völlig erreichbar noch für völlig unerreichbar; sie ist bis zu einem bestimmten Grade erreichbar, und das nur mit Schwierigkeit.

Autokratie ist in ihren neuen Formen immer mit einer Anschauung verbunden: der Hitlers, der Mussolinis oder der Stalins. Wo es Autokratie gibt, wird eine Reihe von Glaubenssätzen jungen Menschen eingebleut, die noch nicht fähig sind zu denken, und diese Glaubenssätze werden mit solcher Beharrlichkeit gepredigt, dass man hoffen darf, die Schüler würden später niemals mehr der hypnotischen Wirkung ihres frühen Unterrichts entkommen können. Der Glaube wird nicht mit der Hilfe von Argumenten gelehrt, denen zufolge man ihn wahr halten könnte, sondern durch papageienhafte Wiederholung, Massenhysterie und Massensuggestion.

Wenn zwei entgegengesetzte  Meinungen auf diese Weise in die Welt gesetzt worden sind, bilden sie zwei Armeen, die aufeinander stossen, nicht zwei Parteien, die miteinander diskutieren können. Jeder hypnotisierte Automat spürt, dass alles Heilige dem Sieg seiner Partei verhaftet ist und das Schrecklichste von der anderen Seite beispielhaft dargestellt wird. Solche fanatischen Bünde können sich nicht im Parlament treffen und sagen ‘Wir wollen sehen, wer die Mehrheit hat’; das wäre zu einfach, denn jede Partei verteidigt eine geheiligte Sache. Diesen Dogmatismus muss man verhüten, wenn man die Diktatur vermeiden will, und die Massnahmen zu seiner Verhütung müssen einen wesentlichen Platz in der Erziehung einnehmen.»

Erziehung zur Mündigkeit

Bertrand Russell schreibt weiter:

«Wenn ich im Erziehungswesen zu bestimmen hätte, würde ich die Kinder den überzeugtesten und am meisten beredten Verteidigern aller Ansichten über jede wichtige Frage aussetzen, Männern, die über das Radio zu den Schulen sprechen. Der Lehrer sollte nachher die Kinder auffordern, die vorgebrachten Argumente zusammenzufassen, und nebenbei der Ansicht Ausdruck geben, dass Beredsamkeit zu solider Begründung im umgekehrten Verhältnis steht. Es ist für die Bürger einer Demokratie von äusserster Bedeutung, gegen Beredsamkeit immun zu werden.

Moderne Propagandisten haben von Reklamefachleuten gelernt, die in der Technik der Hervorbringung irrationalen Glaubens führend waren. Die Erziehung sollte der natürlichen Glaubensseligkeit und der natürlichen Ungläubigkeit der Unerzogenen entgegenarbeiten: Der Gewohnheit, eine empathische Feststellung ohne Beweise zu glauben und einer nicht empathischen Feststellung, selbst wenn sie von den besten Gründen begleitet wäre, nicht zu glauben. Ich würde in den untersten Klassen mit zwei Arten von Süssigkeiten beginnen, zwischen denen die Kinder wählen könnten: einer sehr guten Art von Bonbons, die von einer kalten und genauen Feststellung ihrer Bestandteile empfohlen wird, und einer sehr schlechten Art, die von den besten Reklamefachleuten mit der grössten Geschicklichkeit angepriesen wird. Ein wenig später würde ich sie zwischen zwei Orten für einen Ferienaufenthalt wählen lassen: einem hübschen Ort, der auf einer Karte zu sehen ist, und einem hässlichen Ort, der von herzlichen Plakaten empfohlen wird.»

Zitate aus:

Bertrand Russell, Formen der Macht, Anaconda Verlag 2009 (Seite 301)

Kommentar & Ergänzung:

In diesem Text hat es ein paar schöne Passagen.

Zum Beispiel:

– ­ Die Mitte zwischen Skepsis und Dogma suchen

Die Wahrheit weder für völlig erreichbar halten noch für völlig unerreichbar. Sie ist bis zu einem bestimmten Grade erreichbar, und das nur mit Schwierigkeit.

– Polarisierung

Und dann die Warnung vor extremer Polarisierung, die auch in der Gegenwart sehr aktuelle ist:

«Jeder hypnotisierte Automat spürt, dass alles Heilige dem Sieg seiner Partei verhaftet ist und das Schrecklichste von der anderen Seite beispielhaft dargestellt wird. Solche fanatischen Bünde können sich nicht im Parlament treffen und sagen ‘Wir wollen sehen, wer die Mehrheit hat’; das wäre zu einfach, denn jede Partei verteidigt eine geheiligte Sache. Diesen Dogmatismus muss man verhüten, wenn man die Diktatur vermeiden will, und die Massnahmen zu seiner Verhütung müssen einen wesentlichen Platz in der Erziehung einnehmen.»

– Glaubensseligkeit

Etwas komplex formuliert, aber in der Aussage klar:

Wir haben eine natürliche Glaubensseligkeit gegenüber Aussagen, die mit grosser Überzeugung und Emotionalität gemacht werden, auch wenn sie ohne Belege daherkommen.

Und wir haben eine natürliche «Ungläubigkeit» gegenüber Aussagen, die nüchtern daherkommen, auch wenn sie mit guten Argumenten unterlegt sind:

«Die Erziehung sollte der natürlichen Glaubensseligkeit und der natürlichen Ungläubigkeit der Unerzogenen entgegenarbeiten: Der Gewohnheit, eine empathische Feststellung ohne Beweise zu glauben und einer nicht empathischen Feststellung, selbst wenn sie von den besten Gründen begleitet wäre, nicht zu glauben.»

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Was Bertrand Russell in diesem Zitat sagt, ist nicht nur von hoher Bedeutung für Demokratie und Rechtsstaat. Es ist genauso wichtig in den Bereichen Gesundheit / Medizin / Naturheilkunde. Auch hier stehen wir vor der Herausforderung, sorgfältig Argumente zu prüfen und nicht in blinder Gläubigkeit alles zu schlucken, was uns vorgesetzt wird.

Siehe dazu:

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung!

Naturheilkunde: Sorgfältig prüfen lernen!

Naturheilkunde-Ausbildung: Mehr kritisches Denken – weniger blinden Dogmatismus