Jetzt haben wir also diesen Artikel in der Verfassung, wonach Bund und Kantone im Rahmen ihrer Zuständigkeiten für die Berücksichtigung der Komplementärmedizin sorgen sollen.

Für meine berufliche Tätigkeit als Dozent für Phytotherapie dürfte sich dieser Entscheid eher positiv auswirken. In diesem Sinne “Merci vilmol” an alle Befürworterinnen und Befürworter. Dass ich trotzdem gegen diese Vorlage war, hat mit den vielen damit verknüpften Versprechungen zu tun, die sich meines Erachtens kaum seriös umsetzen lassen (z. B. die Qualitätssicherung bei nichtärztlichen Komplementärtherapeuten) und mit den zahlreichen ungeklärten Fragwürdigkeiten (z. B. der Remoralisierung von Krankheit und Behinderung, wenn diese wieder wie in der Anthroposophischen Medizin als Folge von moralischem Versagen in früheren Leben gesehen werden).

Nun geht es also um die Umsetzung dieses Artikels und schon kommen die Forderungen an BR Pascal Couchepin nach einer raschen Wiederaufnahme der fünf Methoden Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin, Neuraltherapie, Anthroposophische Medizin und Phytotherapie in die Grundversicherung.

Dass Couchepin zu einer solchen Hauruck-Übung keine Hand bieten will, dafür wird er nun ziemlich gescholten.

Ich bin mit Pascal Couchepin nicht immer einverstanden, aber an diesem Punkt kann ich nur festhalten: Vielen Dank, Herr Bundesrat, dass Sie dem populistischen Druck nach Instant-Lösungen nicht nachgeben und sich ans Gesetz halten. Dieses verlangt eine nachgewiesene Wirksamkeit für Methoden, die über die Grundversicherung solidarisch finanziert werden. Und diese Wirksamkeit ist keineswegs so pauschal und fraglos belegt, wie die Befürworter des Verfassungsartikels es dargestellt haben.

Sorgfältige, unabhängige, und möglichst unvoreingenommene (in beide Richtungen) Prüfung ist angesagt. Und die Frage, welche Komplementärmedizin wir wollen, ist auch eine politische Frage.

Ich kann daher sehr die Forderung von BR Couchepin nachvollziehen, dass nun das Parlament Verantwortung übernehmen soll.
Das Parlament hat mit diesem Gegenvorschlag grosse Erwartungen geweckt und sehr grosse, meines Erachtens aber weitgehend leere Versprechungen gemacht.
Die konkrete Arbeit und Auseinandersetzung mit all den offen gelassenen Fragen soll nun aber wohl auf ein paar Bundesbeamte im BAG abgeschoben werden.

Nein, nein: Das Parlament soll die Verantwortung übernehmen, wenn es die Anforderungen an die Wirksamkeit von Behandlungsmethoden lockern will, die von der Grundversicherung bezahlt werden müssen.

Das Parlament soll die Verantwortung übernehmen, wenn es beispielsweise eine Heilmethode wie die Anthroposophische Medizin in die Grundversicherung nehmen will, welche Krankheit und Behinderung als Folge von moralischem Versagen in einem früheren Leben auffasst.

Meines Erachtens war es ein grosser Fortschritt der Neuzeit, dass Krankheit und Behinderung nicht mehr als Strafe für moralisches Versagen gesehen wird.

Wenn wir nun staatlicherseits diesen Fortschritt rückgängig machen wollen, ist das ein gravierender Schritt, den das Parlament verantworten soll, und nicht einige Bundesbeamte im BAG.

Nach dieser Verantwortung müsste man dann vor allem Parlamentarierinnen und Parlamentarier der Sozialdemokratischen Partei und der Grünen Partei fragen, die in ihrem Selbstverständnis ja so behindertenfreundlich sind, im Zuge dieses Verfassungsartikels aber die Remoralisierung von Krankheit und Behinderung am undifferenziertesten puschen.
Ebenso werden Fragen zu stellen sein an christliche Parteien wie CVP und EVP, ob sie eine solche Remoralisierung von Krankheit und Behinderung auf der Basis einer Karma-Lehre mittragen können.

Offene Fragen zuhanden des Parlamentes wären zum Beispiel:

http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/2009/05/01/abstimmung-komplementaermedizin-kritische-fragen-an-simonetta-sommaruga-zur-foerderung-der-anthroposophischen-medizin.html

http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/2009/05/13/abstimmung-komplementaermedizin-bewahrung-des-traditionellen-heilmittelschatzes-zweifelhafte-versprechen.html

http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/2009/05/09/komplementaermedizin-abstimmung-fragwuerdige-versprechen-zur-qualitaetssicherung.html

Ich bin sehr gespannt auf die Diskussionen, wenn sich das Parlament einmal konkret mit dem Thema Komplementärmedizin befassen wird, und nicht nur vollkommen abstrakt und pauschal wie bisher.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
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