Die sogenannte „Signaturenlehre“ war vor allem in der Renaissance ein wichtiges Element in der Pflanzenheilkunde. Sie ging von der Annahme aus, dass Heilpflanzen uns beispielsweise durch ihre Farben und Formen sagen, wozu sie für uns gut sind. Paracelsus (1493 – 1541) sah zum Beispiel im Augentrost Wimpern und schloss daraus auf eine Wirksamkeit bei Augenerkrankungen.  Die Signaturenlehre war aber nicht so simpel, wie das auf den ersten Blick aussieht und wie sie heute zum Teil wieder ziemlich oberflächlich propagiert wird. Sie war eingebettet in eine zeitbedingte Anordnung des Wissens entlang von Ähnlichkeiten. Michel Foucault (1926 – 1984) hat diese Anordnung des Wissens als „Episteme der Ähnlichkeit“ beschrieben.

Seit einigen Jahren ist im Bereich einer esoterisch geprägten Pflanzenheilkunde wieder von den Signaturen der Heilpflanzen die Rede, die man erkennen müsse, um ihre Wirkungen zu erkennen. Dies geschieht meinem Eindruck nach in einer höchst unhistorischen und oberflächlichen Art, die aber viele Sehnsüchte nach dem Wunderbaren und nach einer harmonischen Naturbeziehung  anspricht.

Meiner Ansicht nach wäre es hier nötig, den historischen und philosophischen Kontext dieser Signaturenlehre zu verstehen. Wer sich nämlich damit befasst hat, fällt nicht so leicht auf dogmatische Aussagen über ein angeblich wahres „Wesen“ der Heilpflanzen herein. Ein „Wesen“ notabene, welches die Heilpflanzen über ihre Signaturen natürlich nur auserwählten sensitiven Pflanzenfreunden und Heilern enthüllen…..

Zum geschichtlichen und philosophischen Kontext der Signaturenlehre hat Hans Blumenberg (deutscher Philosoph, 1920 – 1996) Wichtiges geschrieben, und zwar in einem kleinen Bändchen mit dem Titel „Die Sorge geht über den Fluss“ (Suhrkamp 1987). Er schreibt dort im Kapitel „Nebenfolgen des Sinnbedarfs“:

„In einer sinnhaften Welt muss es Hinweise, Orientierungen, Wegweiser, Gebrauchsanweisungen, Zeichen, Signaturen geben. Jedes Kraut muss erkennen lassen, wofür der aus ihm gebrauchte Trank gut sein könnte. Keiner ist Günstling der Natur ohne Grund; aber wer es ist, versteht vor allem die Zeichen zu lesen, auch die auf den Stirnen, wie der unsägliche Lavater, und hält Gericht, noch bevor Gerichtstag ist.“

Blumenberg beschreibt hoch präzis die Konsequenzen einer solchen sinngetränkten Welt:

„Doch ist die Annahme, in einer sinngesteuerten Welt zu leben, in der jedes Ereignis im Prinzip auf sein Warum und Wohin befragbar – wenn auch nicht immer auskunftswillig – sein muss, nicht ohne Risiken. In einer solchen Welt wird man schwerlich von einem sichtbaren Leiden betroffen, ohne nicht selbst  und mehr noch vor den anderen der Überlegung ausgesetzt zu sein, für welche geheime Verwerflichkeit man dies nun als Strafe zugewiesen erhalten habe. Die Unglücklichen sind nicht nur unglücklich, sie sind dazu noch als Schuldige an ihrem Unglück gezeichnet, wenn die Welt durch und durch sinnvoll geordnet ist. Wir sind ja bis zum heutigen Tag, trotz einer Serie von Aufklärungen und Glanzleistungen der hinterfragenden Vernunft, der billigen Alltagsweisheit nicht vollends entronnen, mit der man bestimmte stigmatisierende Krankheiten und Gebrechen besser verbirgt, weil man die diffuse Vermutung zu meiden hat, irgendwer – die Eltern oder Vorväter oder man selbst – werde da schon entsprechend gesündigt haben, selbst wenn man sich modernerer Ausdrücke bedient.

Es ist die Kehrseite der Medaille einer sinnträchtigen Welt, dass man in ihr wissen kann oder zu wissen glaubt oder zu wissen angehalten wird, wer jeweils an was schuld ist.“

Im Bereich der Krankheiten sind die Bücher von Thorwald Dethlefsen und Rüdiger Dahlke meines Erachtens prägnante Beispiele für etikettierende Sinnzuschreibungen, welche Schuldzuschreibungen im Schlepptau hinter sich her ziehen.

Die „Nebenfolgen des Sinnbedarf“, die Hans Blumenberg beschreibt, scheinen mir sehr bedenkenswert. Es gibt eine „Sinntrunkenheit“, die durchaus problematischen Folgen haben kann.  Und deshalb sollte man meines Erachtens nicht unreflektiert irgendwelche „Signaturen der Pflanzen“ propagieren.

Siehe auch:

Pflanzenheilkunde: Nebulöse Aussagen vom Wesen der Pflanzen

Zum Wesen der Heilpflanzen – Storchenschnabel gegen Schock?

Die fragwürdige Rede vom Wesen der Pflanzen

Pflanzenheilkunde: John Ray zur Signaturenlehre

Wilde Möhre, Leberblümchen…und die Signaturen der Heilpflanzen

Von Schopenhauers Feldblume zu den Signaturen der Pflanzen

Signaturen der Pflanzen: Fragwürdiger Neuaufguss der Signaturenlehre

Naturheilkunde: Hoch fragwürdige Theorie von der Signatur der Pflanzen

Ausserdem:

Im Kurs „Die Heilkräfte der Pflanzen im Wandel der Zeit“ wird die historische Signaturenlehre eingehender vorgestellt, zusammen u. a.mit Magischer Medizin, Humoralpathologie (Viersäfte-Lehre), Klostermedizin (Hildegard von Bingen), Signaturenlehre (Paracelsus).

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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