«Vielleicht noch etwas ganz Anderes. Ich bin Naturärztin. Ich möchte nur sagen: Die Gesetze der Natur bieten immer eine Lösung.»

Anonyme Naturärztin aus dem Publikum an den Tumortagen Winterthur 2008

 

Ergänzung & Kommentar:

Diese Aussage fiel im Rahmen der öffentlichen Veranstaltung „Alles Liebe….“. Während dem berührenden, interaktiven Theaterstück hatten sich Krebskranke und Theaterleute sehr engagiert und differenziert mit den schwierigen Rollen der Tumorkranken in den Spannungsfeldern von Medizin, Familie und Beruf auseinandergesetzt. Der Satz kam ganz am Ende der dichten zwei Stunden – die Moderatorin hatte schon zum Schlusswort angesetzt.

Warum wohl kam dieser Satz im allerletzten Moment? War es einfach Feigheit? Zu diesem Zeitpunkt hatte jedenfalls niemand mehr die Möglichkeit, auf diese Aussage zu reagieren, weder die Betroffenen, noch die Theaterleute noch das organisierende Team vom Tumorzentrum am Kantonsspital Winterthur. Oder war es eher die missionarisch angehauchte, selbstgerechte Äusserung einer Person, welche sich schon im Besitz der Wahrheit wähnt und daher nicht auf Dialog, Austausch und Auseinandersetzung angewiesen ist?

Eine solche Aussage jedenfalls zeugt meines Erachtens von einer eindrücklichen ideologischen Verblendung und sie reduziert die ausserordentlich komplexe Situation einer Krebserkrankung auf einen simplen Slogan.

Die Gesetze der Natur, das würde für die allermeisten der im Saal anwesenden Tumorkranken bedeuten: Der Krebs wächst, die kranke Person stirbt – und das möglicherweise qualvoll. Jede effektive Bekämpfung des Tumors und jede Linderung der Beschwerden verstösst in diesem Sinne gegen die Natur. Denn der Tumor selbst ist auch Natur. Vor dieser für uns brutalen Seite der Natur verschliessen meiner Erfahrung manche Naturärzte und Naturärztinnen die Augen. Sie sind einer sehr einseitigen Idealisierung der Natur verhaftet (und reden dabei oft von Ganzheitlichkeit….).

Darüber hinaus behauptet die Naturärztin mit ihrer Aussage implizit aber auch: Wer die Gesetze der Natur erkennt und annimmt, wird seinen Krebs los. Die Gesetze der Natur bieten ja immer eine Lösung. Darin enthalten ist umgekehrt die Botschaft, dass alle, die ihren Krebs noch haben, halt einfach noch nicht soweit sind.

Meines Erachtens steckt in solchen Sätzen eine masslose Arroganz – schön versteckt hinter der helfend-heilerischen Pose. Das ist ein Schlag ins Gesicht von Betroffenen, die sich tagtäglich bemühen, ihre schwierige Situation so gut wie möglich zu bewältigen und mit Hoffnung, Resignation, Wut, Angst und Trauer umgehen müssen.

Und es ist auch ein Schlag ins Gesicht von Pflegenden, Ärztinnen und Ärzten, die sich täglich in diesem anspruchsvollen Bereich engagieren. Keine Frage, dass im medizinischen Bereich auch manches schief läuft. Es gibt in Pflege und Medizin aber auch viele Fachleute, die immer wieder versuchen, das beste zu geben im Bewusstsein, dass beim Thema Krebs oft auch das beste nicht gut genug ist – und die immer wieder an Grenzen stossen bei sich selbst, bei den Tumorkranken und mit den medizinischen und pflegerischen Möglichkeiten.

Und da kommt dann so eine Naturärztin und sagt einem ganzen Saal von Betroffenen, Angehörigen und Fachleuten mit einem Satz, was für Idioten sie doch alle sind und wie einfach all die Probleme sich doch lösen liessen, wenn man die Gesetze der Natur erkennen und befolgen würde.

Erschütternd ist dabei für mich, dass auch viele Ausbildungsinstitute für NaturärztInnen, HeilpraktikerInnen etc. solch destruktive Grundhaltungen bei ihren Lernenden fördern.

Ich treffe im Bereich von Naturheilkunde / Komplementärmedizin / Pflanzenheilkunde immer wieder auf Anmassungen dieser Art, wie sie sich in obigem Zitat ausdrückt.

Das ist einer der Gründe dafür, warum ich in den letzten 30 Jahren einen immer kritischeren Blick entwickelt habe, was diese Bereiche betrifft.

Ich bin überzeugt davon, dass im Bereich von Naturheilkunde / Komplementärmedizin / Pflanzenheilkunde tief greifende Veränderungen nötig sind, wenn sie wirklich zum Wohl von Patientinnen und Patienten wirken wollen:

Weniger Heilslehren, weniger fraglose Gläubigkeit gegenüber wunderbaren Heilungsgeschichten, weniger pauschale Feindbild-Produktion gegenüber Medizin und Wissenschaft, weniger Allmachtsphantasien, dafür mehr selbstkritische Auseinandersetzung, überzeugendere Anerkennung eigener Grenzen und zumindestens erste Schritte in Richtung einer Qualitätskontrolle, die bis heute weitestgehend fehlt.

Das wäre jedenfalls ein guter Anfang.

Leider gibt es gerade beim Stichwort „alternative Krebstherapien“ jede Menge an Allmachtsphantasien von „Heilerinnen“ und „Heilern“, die schwer kranke Menschen mit haltlosen Versprechungen in die Irre führen. Unter diesen verantwortungslosen Scharlatanen gibt es aber – das muss festgehalten werden, nicht nur Naturheilpraktikerinnnen und Naturheilpraktiker, sondern nicht selten auch „alternativ“ praktizierende Ärztinnen und Ärzte. Das hat eine Recherche des Magazins „Stern“ eindrücklich gezeigt. Dazu hat sich ein stern-Team von 20 Alternativheilern beraten lassen und kommt zum Schluss: „Achtung, Lebensgefahr!“

Siehe auch:

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Naturheilkunde – warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund?

Naturheilkunde: Sorgfältig prüfen lernen

Komplementärmedizin: Woran erkennen Sie fragwürdige Aussagen?

Naturheilkunde-Ausbildung: Mehr kritisches Denken – weniger blinden Dogmatismus

 

Komplementärmedizin: Genauer Nachdenken – Differenzierter argumentieren

Mehr Kontroverese in Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde

Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde: Nachfragen stat blind glauben